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February 23 2017

Die FPÖ nennt es einen “Anschlag”

Wie irreführend die Freiheitlichen argumentieren, zeigt ein neuer Antrag im Parlament. Es geht um die Frage, ob Hetze auf Facebook ungelöscht stehenbleiben soll.

Es klingt alarmierend: Die FPÖ behauptet, dass die Europäische Union einen „Anschlag“ auf die „Grundprinzipien unserer Verfassung“ sowie auf die „Meinungsfreiheit“ plane.

Doch ist dieser Alarmismus gerechtfertigt? Wohl kaum. Diese Worte stammen aus einem Antrag, den die FPÖ-Abgeordneten Barbara Rosenkranz, Wendelin Mölzer, Reinhard Bösch und Johannes Hübner diesen Dienstag im Parlament einbrachten. Das Dokument, das hier abrufbar ist, zeigt, wie irreführend die Freiheitlichen mitunter argumentieren – im konkreten Fall geht es um Hass im Internet.

Der Antrag analysiert: Klicken zum Vergrößern

Was die FPÖ kritisiert

Die EU-Kommission hat sich vergangenes Jahr mit den IT-Unternehmen Facebook, Google, Twitter und Microsoft darauf geeinigt, dass gemeldete strafbare Hassrede großteils binnen 24 Stunden entfernt werden sollen (hier die deutsche Presseaussendung, hier der englische Originaltext).

Demnach verpflichten sich Unternehmen wie Facebook, strafbare Hasskommentare – die beispielsweise den Tatbestand der Verhetzung, der Wiederbetätigung, der üblen Nachrede, des Cybermobbing oder der gefährlichen Drohung erfüllen – rascher zu entfernen. Es geht hier lediglich darum, dass die bestehenden nationalen Gesetze von den großen Plattformen eingehalten werden. Strafbare Formen von Hass und Hetze sollen nicht zu lange online stehenbleiben (was trotz des “Code of Conduct” leider oft passiert, wie die EU-Kommission selbst kritisiert). Nichtsdestotrotz scheint mehreren FPÖ-Abgeordneten dieser “Code of Conduct” nicht recht zu sein.

Was die FPÖ fordert

Die FPÖ-Abgeordneten schreiben in ihrem parlamentarischen Antrag: „Der ‘Code of conduct on countering illegal hate speech online’ verletzt die Grundlagen der Meinungs-, Gedanken- und Pressefreiheit in eklatanter Weise und stellt einen Anschlag auf die Grundprinzipien unserer Verfassung und der demokratischen Grundwerte dar.“ Weiters fordern die Abgeordneten den Nationalrat auf, sich gegen den „Code of Conduct“ einzusetzen – also gegen die Selbstverpflichtung der großen Plattformen, strafbare Hetze auch wirklich zu löschen. Die FPÖler wollen bewirken, dass die EU-Kommission das Dokument zurückzieht.

Der Antrag der Abgeordneten lässt dabei wesentliche Fragen offen:
– Vertritt die FPÖ die Ansicht, dass illegale Hassrede (beispielsweise Gewaltaufrufe gegen Flüchtlinge oder Vergewaltigungsdrohungen gegen Frauen) ungelöscht auf Facebook stehenbleiben sollen? Oder wie ist ihr Antrag hier zu interpretieren?

Wen die FPÖ zitiert

Die FPÖ erklärt, die Ausführungen des Richters würden “den Kern der Sache” treffen – und kritisiert das Vorgehen der EU. Dabei hat der Verfassungsrichter über ein anderes Thema gesprochen
Skurril ist die Argumentation der FPÖ-Abgeordneten: Als vermeintlichen Kronzeugen zitieren sie ausgerechnet den Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs Gerhart Holzinger, einer der bedeutendsten Richter des Landes.  In der „Presse“ hat Holzinger über sogenannte „Fake News“ gesprochen – also bewusst lancierte Falschmeldungen. Er mahnt zur Vorsicht, strenge neue Gesetze gegen Falschmeldungen einzuführen – eine weitverbreitete Position (auch Regierungsmitglieder sehen dies anscheinend ähnlich wie Holzinger).

Die FPÖ erklärt, die Ausführungen des Richters würden “den Kern der Sache” treffen – und kritisiert darauf aufbauend das Vorgehen der EU. Dabei hat der Verfassungsrichter über ein ganz anderes Thema gesprochen. Was Holzinger im Interview nicht tat, ist Hassrede zu verharmlosen oder ein Nicht-Einhalten der bestehenden Gesetze zu fordern. Auch hat der Richter kein einziges Wort über den „Code of Conduct“ der EU verloren. Trotzdem suggeriert der Antrag, dass die Meinung des Richters die Forderung der FPÖ bekräftigen würde – ein unzulässiger Schluss. Aus dem Interview mit dem Verfassungsrichter lässt sich einfach nicht herauslesen, wie er über dieses Dokument der EU denkt.

Fazit der freiheitlichen Argumentation

Fassen wir kurz zusammen:

  • Die FPÖ zitiert einen renommierten Richter aus dem Kontext gerissen.
  • Die Abgeordneten meinen, das Interview mit dem Richter würde “den Kern der Sache treffen”, und kritisieren daraufhin die EU. Die Freiheitlichen sprechen sogar von einem “Anschlag” auf die “Grundprinzipien unserer Verfassung”.
  • Die Partei fordert zum Schluss, das österreichische Parlament solle sich hier gegen das Vorgehen der EU einsetzen (dabei hat die EU lediglich auf das Einhalten der nationalen Gesetze gegen Hetze und Hassrede gepocht).

Der Antrag zeigt, wie leichtfertig FPÖ-Politiker extrem harte Vorwürfe gegenüber der EU einbringen – die in diesem Fall substanzlos sind. Schlimmstenfalls lassen sich aber Bürger von einer so harten, wenn auch unfundierten Kritik beeinflussen – und sind dann tatsächlich beunruhigt, was “die in Brüssel” schon wieder machen.

Politisch hatte das Ansuchen immerhin keine Wirkung: Der freiheitliche Antrag wurde im EU-Unterausschuss des Nationalrat abgelehnt.

 

Foto: Franz Johann Morgenbesser über Flickr/Creative Commons. Das Bild zeigt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.

February 19 2017

February 18 2017

February 16 2017

Vernetzte Lügen

Falschmeldungen gefährden unsere Demokratie – doch die Diskussion über „Fake News“ zieht das ins Lächerliche. (Gastkommentar für die Tiroler Tageszeitung)

Es ist Zeit für eine Verteidigung des Begriffs „Fake News“ – das Wort beschreibt die gezielte Verbreitung von Falschmeldungen speziell im Internet, um Menschen zu manipulieren. Auch hierzulande kennen wir das Phänomen: Durchs Internet geisterte die Meldung, Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen habe Krebs und gehöre unter Sachwalterschaft gestellt (ein gefälschtes Dokument behauptet das, viele Bürger glaubten es). Aktuell wird der deutschen Kanzlerin Angela Merkel online angedichtet, sie würde 1900 Euro Grundsicherung für Asylwerber fordern – ein völliger Unsinn, der Bürger real in Rage bringt.

Dieser Text erschien am 5. Februar in der Tiroler Tageszeitung.

Fake News sind kein abstraktes Problem, das nur die USA betrifft: Falschmeldungen vergiften auch bei uns die politische Debatte. Derzeit erntet der Begriff Kritik und sogar Häme: Ist nicht alles irgendwie Fake News, passiert nicht jedem Medium mal ein Fehler? Und überhaupt: Wer bestimmt denn, was Fake News ist und was nicht?

Die gefährliche Grundannahme: Alles sei letztlich nur „Ansichtssache“ – dazu passend gibt es neuerdings neben Fakten auch „alternative Fakten“. Eine Nebeltaktik: Es handelt sich nicht um Ansichtssache, ob unser Bundespräsident todkrank ist oder nicht – medizinische Dokumente widerlegen die Falschmeldung. Eine Gesellschaft, die nicht mehr zwischen nachweisbaren Fakten und grotesken Lügen unterscheiden will, hat die Vernunft verloren.

Häufig wird auch relativiert, wie brisant „Fake News“ sind, denn: Gab es das nicht früher auch?

Gerade die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte belegen, dass wir politisch inszenierte und instrumentalisierte Falschmeldungen nicht hinnehmen dürfen
Die Lüge als politisches Instrument ist wahrscheinlich so alt wie die Politik. Doch die Geschichte zeigt das verheerende Potenzial der Falschmeldungen: Die Nationalsozialisten waren Großmeister des Gerüchtestreuens, sie hetzten Menschen gezielt mit falschen Behauptungen auf. Sie verbreiteten auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ – ein gefälschtes Buch, das die jüdische Weltverschwörung „belegen“ sollte und als Rechtfertigung für den Holocaust diente. Gerade die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte belegen, dass wir politisch inszenierte und instrumentalisierte Falschmeldungen nicht hinnehmen dürfen.

Das Netz addiert nun Verbreitungsgeschwindigkeit: Fake News wandern im Eiltempo über den Planeten. Heute reist eine Falschmeldung oft binnen weniger Stunden über etliche Kontinente.

Ganz so einfach müssen wir es den Fälschern nicht machen
Doch ganz so einfach müssen wir es den Fälschern nicht machen: Die Nachrichtenagentur APA arbeitet an einem Tool, das Medien nachvollziehen lässt, ob eine Information hauptsächlich von unseriösen Seiten stammt. Faktenchecker-Seiten wie Mimikama.at klären jeden Tag über Täuschungen auf. Und in Deutschland will Facebook mit der Rechercheplattform Correctiv kooperieren – künftig sollen Nutzer einen Hinweis sehen, wenn eine Behauptung nachweislich falsch ist. Jeder User kann dann auch nachlesen, welche Quellen und Fakten die Falschmeldung widerlegen. Wir können viel tun – nur egal darf es uns nicht sein, wenn mit Gerüchten und Falschmeldungen Politik gemacht wird.

 

Foto: pixabay.com.

 

Große Neuigkeiten!

Seit Februar dieses Jahres bin ich selbständig – konzentriere mich ganz aufs Bücherschreiben, Vorträge halten und auf meine digitale Kolumne #brodnig.

Wie die Wiener Zeitung bereits berichtete, verlasse ich meine Anstellung als Redakteurin, um mich ganz auf meine digitalen Schwerpunkte zu konzentrieren. Zu viel möchte ich noch nicht verraten, aber ein weiteres Buch ist in Arbeit, parallel dazu halte ich Vorträge und Workshops zum Thema “Hass im Netz” (aktuelle Termine sende ich im Newsletter aus).

Und ich bleibe eng mit dem Nachrichtenmagazin profil verbunden, werde dort wöchentlich die Kolumne #brodnig über das skurrile Leben in digitalen Zeiten schreiben – von Datenschutzbedenken bis Emojis. An dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an meine Kollegen in profil – für zwei schöne, spannende Jahre!

 

January 23 2017

Eine Verteidigung des Worts “Fake News”

Nicht der Begriff “Fake News” ist kaputt – sondern die politische Diskussionskultur. Eine Entgegnung in Tweets

Derzeit gibt es viel Kritik am Wort „Fake News“. Der Begriff sei „zur Farce“ verkommen oder „unbrauchbar“ geworden, liest man. Ich bin mir da nicht so sicher – in meinen Augen wird eine viel zu hohe Erwartungshaltung an dieses Wort herangetragen. Weil mir die Zeit zum Bloggen fehlt, habe ich schnell dazu getwittert – hier meine Verteidigung dieses Wortes und mehrere Antworten:

Ich würde extrem gerne eine Verteidigung des Worts #FakeNews bloggen. Mir fehlt nur leider die Zeit dazu. Deswegen kurz hier..

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Es stimmt, dass das Wort #fakenews zuletzt oft missbräuchlich verwendet wurde – zB um Fakten, die einem nicht recht sind, zu beschimpfen

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Nur ist es keine Schwäche des Begriffs #fakenews, wenn er missbraucht wird. Es ist eine Schwäche der Debatte, wenn wir das durchgehen lassen

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Wenn ein Politiker ihm missliebige Berichterstattung als #fakenews bezeichnet, begeht dieser Politiker ein rhetorisches Foul. Nichts anderes

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Worte lassen sich falsch einsetzen – auch das Wort #fakenews. Doch es ist wichtig, sich von solchen Umdeutungen nicht verunsichern zu lassen

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Es stimmt: Das Wort #fakenews kann nicht die ganze Problematik einer faktenfernen Diskussion abdecken. Aber das muss es auch nicht

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

#fakenews benennt ein spezifisches Problem: Dass gezielt falsche Meldungen erfunden & verbreitet werden. Es ist gut, ein Wort dafür zu haben

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

Hier ein paar Einwände/Ergänzungen/Feedback:

@brodnig sollte man fakenews nicht einfach als das bezeichnen, was es ist? nämlich (gezielte) lügen?

— Michael Mayer (@mayer_michl) 23. Januar 2017

@mayer_michl finde ich eine absolut berechtigte Frage – “Lügen” oft synonym. Bei #fakenews wird Tarnung als Nachricht aber besonders betont

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

@schaffertom @brodnig dazu Missverständnis, journalistischer Fehler etc., wo auch #fakenews steht – zB. falsche Eiltmeldung zu NPD-Verbot

— Erich Kocina (@pawko) 23. Januar 2017

@pawko @schaffertom stimmt: Deutsch bietet viele Worte zur Differenzierung. Finde #fakenews als Begriff für aktuelles Phänomen aber sinnvoll

— Ingrid Brodnig (@brodnig) 23. Januar 2017

@brodnig .. zb bei “ente” eindeutig klar… bei fakenews hat man immer noch das gefühl sich für diese news entscheiden zu können

— Maresi M (@mAresimayer) 23. Januar 2017

Und ein Lesetipp:

@brodnig By the way: Zu #Fakenews haben wir auf @dw_deutsch was zusammengestellt: https://t.co/BMzQyxDJsw

— Martin Muno (@martin_muno) 23. Januar 2017

Bin an weiteren Anregungen/Einwürfen/Lesetipps sehr interessiert!

Foto: Ron Mader auf Flickr

November 14 2016

Diese Woche: Termine in Deutschland & Brüssel

Ich darf diese Woche gleich mehrfach über mein Buch in einigen deutschen Städten sprechen. Hier die Termine samt Links:

Montag, 14.11., 16.15 Uhr, Berlin: Symposium über geistige Brandstiftung

Montag, 14.11., 20 Uhr, Dresden: Diskussionsforum Hass im Netz

Dienstag, 15.11, 19 Uhr, Chemnitz: Reihe kontrovers: Vortrag und Diskussion

Mittwoch, 16.11, 18 Uhr, Neustrelitz: Buchvorstellung Hass im Netz

Donnerstag, 17.11., 14 Uhr, Wismar: Diskussion mit Schülerinnen und Schülern

Donnerstag, 17.11., 19 Uhr, Hamburg: Hass im Internet – woher kommt das und was können wir dagegen tun?

Freitag, 18.11., ab 8.45 Uhr, Brüssel: Colloquium on Fundamental Rights: Media Pluralism & Democracy

 

Freu mich über die vielen Diskussionen und Fachgespräche diese Woche!

Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag

 

 

November 13 2016

Wie Algorithmen Populisten helfen – das aber nicht so sein muss

Dies habe ich beim Strategie Austria Symposium zum Thema Empathie erklärt. Hier ein Auszug aus meinem Vortrag, der gut zur aktuellen Situation passt.

Wer wütet, wird wahrgenommen
Leider ist ausgerechnet Wut eine Emotion, die sich herausragend gut über das Web verbreitet. Wer wütet, wird wahrgenommen. Rüpel erhalten online oft überproportional viel Aufmerksamkeit und Bestätigung. Das liegt daran, dass sowohl menschliche als auch technische Faktoren ihnen helfen.

Das kann man sogar messen. Die Wissenschaftler Daegon Cho und Alessandro Acquisti von der Carnegie Mellon University fanden im Jahr 2013 heraus, dass Postings mit Schimpfworten mehr Zuspruch erhalten. Sie analysierten 75.000 Leserkommentare auf südkoreanischen Nachrichtenseiten und sahen: Postings mit Beleidigungen erhalten eher Likes oder werden von anderen Lesern eher „empfohlen“. Wer hart postet, dem wird signalisiert: Nur weiter so, Daumen hoch!

Wir Menschen reagieren eben auf Wut – wir lassen uns auch sehr leicht von Wut infizieren. Das ist die menschliche Problematik hierbei.

Die Technik verschärft dies aber noch. Sie macht Wut dann umso sichtbarer, umso infektiöser. Denn was passiert, wenn jemand schimpft und viele „Likes“ bekommt? Immer mehr Webseiten werden von Algorithmen – also von klugen Computerprogramme – sortiert. Diese Algorithmen entscheiden, was die eigenen Nutzer zu sehen bekommen.

Auf Facebook ist es so, dass ein Beitrag mit vielen Likes dann noch mehr Menschen eingeblendet wird. Zur Erklärung: Wenn Sie einen Facebook-Account haben, dann werden Sie nicht alle Beiträge ihrer Freunde und gelikten Seiten angezeigt bekommen. Sondern nur einen Teil der Neuigkeiten, die Facebook für Sie auswählt.

Wir wissen leider nur grob, wie dieser Filtermechanismus funktioniert: Aber ein wichtiger Aspekt scheinen Reaktionen wie Likes oder Kommentare zu sein. Je mehr Likes und Kommentare ein Facebook-Eintrag erhält, desto mehr zusätzlichen Menschen wird dieser Beitrag angezeigt.

Wer schimpft, wer ordentlich auf den Tisch haut, der kriegt mehr Likes und mehr Kommentare
Wer schimpft, wer ordentlich auf den Tisch haut, der kriegt mehr Likes und mehr Kommentare (Anm.: dies war übrigens auch im US-Wahlkampf so, wie hier berechnet wurde). Denn die Gleichdenkenden klicken auf „gefällt mir“ und die Andersdenkenden wollen widersprechen und kommentieren das. All diese Reaktionen wertet der Facebook-Algorithmus als Signal aus, dass dieses Posting wohl interessant sei.

Ich glaube gar nicht, dass das von Facebook beabsichtigt war, doch die Konsequenz dieses Mechanismus ist: Wer aufregt und viel Reaktionen auslöst, wird mit enormer Reichweite belohnt. Insofern überrascht es nicht, dass provokante Rechtspopulisten so erfolgreich auf Facebook sind: Heinz-Christian Strache von der FPÖ ist der sichtbarste österreichische Politiker auf Facebook. In Deutschland ist die AfD die populärste Partei dort.

Ein Politiker jedoch, der weniger polarisiert und weniger emotionalisiert, wird tendenziell weniger Reaktionen ernten. Und er wird vom Algorithmus mit weniger Aufmerksamkeit belohnt. Doch in meinen Augen ist es für die demokratische Debatte zutiefst problematisch, wenn wir uns ständig von den heftigsten Wortmeldungen einnehmen lassen – wenn wir immer nur über die krassesten Ideen diskutieren. Wut besetzt aber leider die digitale Debatte.

Ich glaube nicht, dass Facebook wirklich eine Hassmaschine ist – ich würde es eher als Drama-Maschine beschreiben
Neulich hat der „Spiegel“ Facebook gar als „Hassmaschine“ bezeichnet. Ich glaube nicht, dass Facebook wirklich eine Hassmaschine ist – ich würde es eher als Drama-Maschine beschreiben. Der Algorithmus bevorzugt nämlich Beiträge, die viel Reaktion auslösen. Denn Facebook will, dass wir möglichst viel Zeit auf der Seite verbringen. Denn je länger wir dort sind, desto mehr Werbung kann Facebook uns einblenden. Und davon lebt dieses Unternehmen.

Emotionale Inhalte sind einfach eine simple Methoden, um Menschen lange auf der eigenen Webseite zu behalten – um ihnen Werbung zu servieren. Die Werbekunden sind diejenigen, die Facebook satte Gewinne bescheren. Wie heißt es so schön? Wenn du nicht der zahlende Kunde bist, bist du das Produkt.

Eine Lösung hierfür könnte sein, für Facebook zu zahlen und dafür mehr Mitsprache und weniger Drama zu verlangen. Denn Facebook ist derzeit darauf ausgerichtet, uns Werbung zu servieren. Wie würde das soziale Netzwerk aussehen, wenn plötzlich die User die zahlenden Kunden sind?

Im Schnitt verdient Facebook im Quartal vier Euro mit jedem europäischen Internetnutzer. Das ist ein bisschen mehr als ein Euro im Monat. Ich würde zum Beispiel für diese Seite vier Euro im Monat zahlen, also ein Vielfaches von dem, was Facebook derzeit mit mir verdient. Aber ich würde zwei Sachen dafür verlangen:

Erstens möchte ich genau wissen, welche Information über mich gespeichert und ausgewertet wird, und notfalls möchte ich dem widersprechen können.

Zweitens will ich auch mehr Mitsprache bei der Auswahl der Information – also bei der Auswahl, was mir im News Feed angezeigt wird. Zum Beispiel könnte Facebook zahlenden Nutzern drei verschiedene Algorithmen anbieten – und ein Teil dieser Algorithmen könnte Emotionalität nicht so hoch bewerten oder diese Algorithmen könnten auch darauf ausgerichtet sein, sehr unterschiedliche Meinungen einem anzuzeigen, Pluralität sichtbar zu machen.

Wir wissen gar nicht, ob solch andere Filtermethoden interessant wären – denn sie wurden uns nie angeboten.

Wenn nur ein Prozent der täglichen Facebook-Nutzer auf ein solches Bezahlmodell einsteigen würden, dann wären das mit einem Schlag 11 Millionen zahlende Kunden. Mehr Menschen als in Österreich. Vielleicht ist ein solches Bezahlmodell aber auch keine kluge Idee, weil sich Ärmere das nicht leisten können. Ich will mit diesem Gedankenexperiment vor allem eines vorführen: Eine Seite wie Facebook, die muss nicht auf Ewigkeit so bleiben. Wir können das Internet auch weiterentwickeln.

Kein Programmiercode ist „neutral“. Er wurde immer von Menschen, von Programmierern, von Unternehmenszielen beeinflusst
Oft wird von Technikunternehmen nur so getan, als sei der Code, den sie entwickelt haben, unverrückbar. Als ließe sich einfach nicht ändern, wie die Einrichtung des Internets, wie Webseiten, aussehen – Facebook sagt gerne über sich selbst, es ist eine „neutrale Plattform“.

Aber kein Programmiercode ist „neutral“. Er wurde immer von Menschen, von Programmierern, von Unternehmenszielen beeinflusst. Wir können aber darauf pochen, dass der Code so programmiert sein soll, dass er Empathie berücksichtigt – oder zumindest dass er Empathie nicht hemmt.

Online-Dienste ließen sich so weiterentwickeln, dass sie es den Rüpeln und Provokateuren nicht ganz so leicht machen. Womöglich kann man Webseiten sogar so gestalten, dass sie Menschen an ihr eigenes Einfühlungsvermögen erinnern. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür geben, dass dies sogar eine realistische Vorstellung ist – nämlich dass Technik Teil der Lösung sein kann, was wir gegen den Hass im Netz tun können. Langsam entsteht nämlich Software, die den Faktor Empathie miteinrechnet.

In den USA gibt es ein Startup namens Civil. Ihre Software soll Menschen beim Verfassen von Onlinekommentaren daran erinnern, sachlich und respektvoll zu diskutieren.

Will man beispielsweise einen Leserkommentar unterhalb eines Artikels verfassen, tippt man das bei Civil in die entsprechende Box ein. Der Kommentar erscheint aber nicht sofort. Zuerst muss man drei andere Leserkommentare auf ihre inhaltliche Qualität und Tonalität hin bewerten – das geht ganz schnell per Klick.

Wenn der Nutzer das getan hat, bekommt er den eigenen Kommentar noch einmal eingeblendet, soll ihn auch auf Inhalt und Tonalität hin bewerten – notfalls kann den eigenen Kommentar sogar noch umschreiben. In einer Testphase haben das etwa fünf Prozent getan.

Der ganze Prozess zielt darauf ab, dass Menschen kurz innehalten – vielleicht kurz durchschnaufen – und reflektieren: Sind die eigenen Worte ok? Den Usern wird hier auch vor Augen geführt: So wie sie andere Nutzer beurteilen, werden sie selbst von anderen beurteilt. Civil bekämpft somit das Gefühl der Unsichtbarkeit im Netz an: Die Software soll verständlich machen, dass die eigenen Worte Gewicht haben.

Mag sein, dass eine Software wie Civil nur eine technische Krücke ist – dass dieses Tool nie so empathiefördernd wie der Augenkontakt sein mag. Aber es ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. (…)

Es ist gut, dass viele Menschen kein Verständnis haben für Gewaltphantasien und Entgleisungen. Und es ist richtig, dass auch die Politik als Verbündeter gesucht wird: Wir brauchen Politiker, die notfalls Druck machen. Wir brauchen aber zusätzlich auch Internetunternehmen und Programmierer, die eines verstehen und sich wirklich zu Herzen nehmen: Die Tools, die sie uns allen in die Hand geben, die können dazu genutzt werden, andere Menschen verbal niederzuschlagen, niederzumachen. Diese Tools können aber auch so gefertigt sein, dass sie uns gegenseitig aufhelfen, dass sie uns Halt und Schutz bieten. Und ich bin überzeugt: Wir können ein solches Internet kreieren.

 

Update: Nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Wahl werden die Rufe nach weniger boulevardesken Algorithmen lauter, zum Beispiel hier von Bobby Goodlatte, früherer Produktdesigner bei Facebook (siehe Posting). Aber auch Software-Guru Tim O’Reilly hat einen sehr lesenswerten Text dazu geschrieben.

Hier das gesamte Video von meinem Vortrag:

Das Strategie Austria Symposium fand am 20.10. in der Anker-Fabrik in Wien statt. Mein hier zitiertes Manuskript kann vom Vortrag im Video leicht abweichen, da ich versucht habe, möglichst frei zu sprechen. Ich danke den Veranstaltern für das Aufzeichnen des Events!

 

Foto: pixabay.com

October 09 2016

Als Facebook das Internet auffraß

Das Web, wie wir es kennen, ist dem Untergang geweiht: Immer mehr Daten und Informationen werden von digitalen Riesen wie Google oder Facebook monopolisiert. Die renommierte Netz-Vordenkerin Emily Bell erklärt, warum das jeden Smartphone-Besitzer betrifft.

“Facebook verschlingt die ganze Welt.” Mit dieser Ansage sorgte die britische Digitalexpertin Emily Bell für Aufsehen. In einer prägnanten Rede an der Universität Cambridge analysierte die Wissenschafterin und frühere Medienmanagerin diesen März den ungeheuren Einfluss der sozialen Medien. Diese hätten nicht nur den Journalismus verschlungen, sondern sich auch politische Kampagnen, private Daten, die gesamte Unterhaltungsindustrie, den Einzelhandel sowie Informationen seitens des Staates einverleibt. “Unser Nachrichten-Ökosystem hat sich in den vergangenen fünf Jahren stärker verändert als zu irgendeiner Zeit in den vergangenen 500 Jahren”, meinte sie – und erntete Applaus.

Bell leitet das Tow Center für digitalen Journalismus an der Columbia University. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” bezeichnet sie als “besonnene Wissenschafterin, bekannt für ihre klugen Analysen des Medienwandels”. Der “Guardian”, dessen Online-Chefin Belleinst war, nennt sie einen “Digital-Guru”. Diese Woche wird sie in Wien auf der renommierten Journalismuskonferenz GEN-Summit auftreten, zu der Medien aus der ganzen Welt anreisen. Dort diskutiert Bell über die Macht der Internetplattformen. Das Web befindet sich im Wandel: Immer mehr Inhalte liegen nicht auf Millionen von Websites verstreut, sondern zentral auf den Datenspeichern einzelner IT-Konzerne -speziell Facebook. Mit profil sprach Bell schon vor ihrem Wien-Besuch: über den großen Nutzen von Smartphones -und die Gefahren, die für unsere Demokratie entstehen könnten.

profil: Sie sagen, Facebook fresse die Welt, und das Smartphone sei das zentrale Tool dabei. Wie meinen Sie das?

Emily Bell: Die Smartphones beeinflussen, wie nahe wir uns anderen Menschen fühlen und welche Aspekte der Welt wir wahrnehmen. Im Schnitt haben Menschen ungefähr 25 Apps auf ihrem Handy installiert, aber sie verwenden am Tag nur vier oder fünf -am häufigsten jene von sozialen Medien. Natürlich wirkt sich das auf unser Leben aus.

profil: Wie läuft das konkret ab?

Bell: Viele haben mittlerweile die Erwartung: Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon finden. Unsere Smartphones beginnen dann prompt zu vibrieren. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal von einer bedeutenden Neuigkeit erst aus dem Fernsehen erfahren habe. Als in Brüssel die Terroranschläge stattfanden, haben viele sofort in den sozialen Medien nachgesehen, ob es ihren Bekannten in Brüssel gut geht. Wir haben das Gefühl, dass diese Ereignisse näher gekommen sind. Der Raum zwischen uns ist kollabiert.

Bei den jüngsten Attentaten konnten Facebook-Nutzer per Knopfdruck markieren: “Ich bin in Sicherheit” – das sahen dann all ihre Freunde. Dieser Dienst ist praktisch, sagt aber viel über das Selbstverständnis der Site aus. Facebook will zur Anlaufstelle für alles werden, selbst für Sicherheitsmeldungen nach Terroranschlägen. Generell findet derzeit ein Machtkampf im Netz statt: Die vier großen Plattformen Facebook, Google, Apple und Amazon – Bell nennt sie die vier “apokalyptischen Reiter” – kämpfen um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Einige Medien beunruhigt diese Entwicklung: So hängt beispielsweise der Erfolg von Artikeln im Netz stark davon ab, wie vielen Menschen sie auf Facebook eingeblendet werden.

profil: Viele Medienhäuser fühlen sich Facebook gegenüber ausgeliefert. Aber wie ist die Situation für normale Konsumenten: Haben die es dank der sozialen Medien besser oder schlechter?

Bell: Wenn Sie mich in einem Schwarzweiß-Schema fragen, lautet mein Urteil: eindeutig besser.

profil: Und wenn es nicht schwarzweiß sein muss?

Bell: Die sozialen Medien sind für alle Teile der Gesellschaft praktisch -sogar für die ärmsten. Denken Sie an Flüchtlinge: Deren wichtigstes Besitztum ist das Handy. Es hilft ihnen, durch Kriegsgebiete zu navigieren und bis nach Europa zu finden. Selbst diese Menschen, deren Leben gefährdet ist, nutzen dieselben Kommunikationstools wie Sie und ich. Jedoch stellt sich die Frage: Wie wirken sich diese Dienste auf unsere Demokratie aus? Kann ein Vorteil für uns als Konsumenten zum Nachteil für uns als Staatsbürger werden? Der Gradmesser hierbei ist wohl, ob man der Ansicht ist, dass Mark Zuckerbergs Site besser ist als die Mediensituation vor Facebook.

Damit spielt Bell auf etablierte Medien und ihr Gatekeeper-Rolle an: Früher entschieden Redaktionen, was Menschen über die Welt erfuhren. Behagte einem die redaktionelle Auswahl nicht, konnte man in vielen Ländern den Sender oder die Zeitung wechseln. Im Netz erleben wir hingegen eine Konzentration: Jeden Tag greifen 1,1 Milliarden Menschen auf Facebook zu -eine solche Marktmacht hatte früher keine Redaktion dieser Welt.

Für Empörung sorgte neulich der Vorwurf, dass Facebook-Bedienstete in der Rubrik “Trending Topics” Nachrichten konservativer Medien aussortiert haben sollen -dieses Feature zeigt populäre Themen an, ist aber in Ländern wie Österreich bisher gar nicht erhältlich. Viel wichtiger als “Trending Topics” ist ein anderer Baustein der Site: Für jeden Nutzer entscheidet ein Algorithmus, also ein kluges Computerprogramm, welche Postings er eingeblendet bekommt. Nur wie das genau funktioniert, sagt Mark Zuckerberg nicht. In ihre Algorithmen geben Internetriesen wie Facebook oder Google keinen Einblick, sie bieten auch unabhängigen Forschern nicht an, Tests durchzuführen, um so die Funktionsweise und Fairness dieser Software besser evaluieren zu können. Dass Algorithmen zunehmend prägen, was Menschen über die Welt wissen, ist ein zentraler Forschungsgegenstand am Tow Center der Columbia University in New York, das Emily Bell leitet.

Bell: Neu ist die Unklarheit, was wir online zu sehen bekommen. Selbst wenn man ein detailliertes Verständnis von Algorithmen hat, lässt sich nicht durchblicken, wie die Algorithmen der IT-Plattformen arbeiten. Nachfragen oder Rechenschaft einfordern, nützt bisher nichts. Wir sollen dem einfach vertrauen.

profil: Worin liegt hier die Gefahr?

Bell: Nehmen wir an, Facebook würde eines Tages entscheiden, keine Neuigkeiten über Terrorismus mehr einzublenden; oder der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan würde die sozialen Medien überreden, kritische Inhalte nicht mehr herzuzeigen. Solche Szenarien mögen absurd klingen, nur welche Sicherheitsmechanismen gibt es denn dagegen? Facebooks Antwort würde wohl lauten: “Wir haben erstklassige Techniker engagiert, die sofort einen anderen Job finden würden. Wir müssen ein gutes Unternehmen sein, sonst laufen uns die erstklassigen Mitarbeiter weg.” Das ist schon viel Vertrauen, das wir in den Markt stecken sollen. Der Harvard-Professor Lawrence Lessig vergleicht Programmiercodes beispielsweise mit Gesetzen. Jedoch sind Gesetze nachvollziehbar, ihre Verfasser sind rechenschaftspflichtig. Eine Diktatur zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht weiß, wie Gesetze genau entstehen, wie sie einen treffen, wie man Gesetze ändern kann. Auch Algorithmen diktieren Teile unseres Lebens, etwa, welche Information wir erhalten. Wir können das aber nicht beeinflussen.

profil: Vergleichen Sie gerade Facebook mit einer Diktatur?

Bell: Nein. Aber man kann sich diesem System nicht so leicht entziehen. Können große Medienhäuser etwa auf Facebook verzichten? Ich hege da Zweifel.

Ganz so geheimnisvoll müssten die Internetriesen dabei nicht agieren. Zum Beispiel könnte mehr algorithmische Transparenz gesetzlich vorgeschrieben werden. Auch wäre es für Sites wie Facebook möglich, den eigenen Kunden nicht nur einen, sondern unterschiedliche Algorithmen zum Filtern anzubieten. Vermehrt gibt es gute Ideen -auch von Wissenschaftlern wie Emily Bell. Das Erfrischende an ihrer Expertise ist, dass sie den digitalen Wandel grundsätzlich begrüßt, aber gleichzeitig dessen Schattenseiten sieht und verständlich macht. Eine zentrale Rolle werden hierbei auch jene Menschen spielen, die diesen Code schreiben.

profil: Müsste Technikern ihre Macht bewusst gemacht werden?

Bell: Absolut. Leider sind Ethik und Philosophie noch nicht in allen IT-Studienplänen verankert, wobei es langsam besser wird. Neulich hielt ich eine Vorlesung für Programmierer an der Columbia University. Wir sprachen über einen Shitstorm auf Twitter, der eine Person in den Suizid trieb. Einer der Studierenden hob die Hand und meinte: Sie können wohl kaum behaupten, dass Technik schuld dran ist? Ich sagte ihm: Diese Frage ist zu simplifizierend. Bei vielen technischen Systemen wurde oftmals gar nicht darüber nachgedacht, wie dieser Dienst von destruktiven Menschen eingesetzt werden könnte oder wie er jene Bevölkerungsgruppen betrifft, die besonders viel Hassrede erleben. Zu sagen, “wir sind nur der Lieferant von Technologie, mehr nicht”, wird als Argument in Zukunft nicht ausreichen.

 

Dieses Interview erschien im profil (Ausgabe 24/16). Foto: privat.

Fotografierst du noch oder isst du schon?

Essen als Selbstinszenierung, das Gourmetrestaurant auf Knopfdruck in den eigenen vier Wänden: Wie die digitale Welt unseren Ernährungsstil beeinflusst und unser hedonistisches Bewusstsein schärft.

Freitagabend, Nina Heidorn kommt aus dem Büro heim. Vor der Wohnungstür in einem Wiener Außenbezirk steht ein großes Paket, gefüllt mit genau rationierten Lebensmitteln. Über das Internet haben die 29-Jährige und ihr Lebensgefährte Stefan Tacha diese “Kochbox” bestellt. Aus den zugestellten Nudeln, Salat, Erdbeeren und zahlreichen anderen Zutaten lassen sich exakt drei Mahlzeiten für zwei Personen herstellen. Die Rezepte werden natürlich auch mitgeliefert. “Man erspart sich extrem viel Zeit: So fallen das Einkaufen und Herumdiskutieren weg, was wer am Abend essen möchte”, sagt Heidorn. Ihr Freund ergänzt: “Und am Ende bleibt auch nichts übrig, so wird vermieden, dass Essensreste im Kühlschrank vor sich hin rotten.”

Sonntagabend, der PR-Berater Fabian Lebersorger sitzt auf seiner Couch. Er zückt das Handy und öffnet die App des Bestelldienstes Foodora. Für sich und Freunde, die zu Besuch sind, bestellt er Burger aus einem amerikanisch inspirierten Lokal. “Wenn ich Gäste habe und nicht zum Kochen komme, finde ich Foodora äußerst praktisch: Man bekommt Essen aus erstklassigen Lokalen und muss nicht beim Glutamat-Chinesen bestellen”, sagt er. Foodora ist ein Internetdienst, der Fahrradboten engagiert und Speisen von Restaurants liefert, die sonst nicht zustellen. Mittels einer eigenen App wird auch das Burger-Lokal über die Bestellung informiert und ein Radbote zur Abholung geschickt.

Ebenfalls ein Sonntagabend, allerdings im schicken Restaurant “aiola upstairs” in Graz: Die Steirerin Manuela Pucher, 38, geht mit Freunden essen. Mit ihrer Spiegelreflexkamera fotografiert sie jedes Gericht und macht Notizen. Später wird sie auf ihrer Seite testesser.at ihre Essrezension bloggen und das schmackhafte Beef Tatar und das Kalbsfilet loben. Sie ist eine von mehreren Foodbloggern, die jede Woche zwei Wirtshäuser testen und den Steirern online neue Lokale empfehlen. Mit großem Feedback: “Offensichtlich füllen wir eine Nische. Sonst würden wir nicht so viele ‘Likes’ und Aufmerksamkeit erhalten”, freut sich Pucher.

Zusätzlich zu den Rezept-Diensten, den Apps berühmter Köche und den Bloggern (siehe Kasten) tauchen nun neue Geschäftsmodelle auf, die den Zugang zu Speisen revolutionieren wollen
Essen an sich ist zwar etwas total Analoges, doch viele Vorgänge rund ums Essen lassen sich digitalisieren – und werden tatsächlich zunehmend ins Internet verlagert. Begonnen hat das vor einigen Jahren mit den berühmten Foodblogs – jenen Websites, auf denen Normalbürger über Essen reflektieren oder Rezepte liefern. Für jeden noch so kleinen Nahrungstrend, jeden kulinarischen Fetisch gibt es passende Blogs und Social-Media-Accounts. Sogar für Veganer, die sich ohne Kohlenhydrate ernähren wollen, findet man eigene Websites (sie brauchen die Info wohl auch, weil ohne tierische Produkte und ohne Kohlehydrate nicht mehr viel zum Essen übrigbleibt). Zusätzlich zu den Rezept-Diensten, den Apps berühmter Köche und den Bloggern (siehe Kasten) tauchen nun neue Geschäftsmodelle auf, die den Zugang zu Speisen revolutionieren wollen: So erstellen etwa Ernährungsberater und Köche des deutschen Unternehmens Hello Fresh wöchentliche Rezepte und entsprechende Einkaufslisten. Premium-Zustelldienste wie Foodora bieten eine simple Software, mit der man sich per Radboten Gerichte von erstklassigen Restaurants liefern lassen kann – deren Betreiber früher beim bloßen Gedanken an Zustelldienste erschauert wären. Gerade die Essensbestellung ist ein gigantischer Zukunftsmarkt, der Jahr für Jahr wächst. Laut Beraterunternehmen Kreutzer, Fischer und Partner gaben die Österreicher 2014 für selbst abgeholte oder per Lieferservice bestellte Gerichte 578 Millionen Euro aus.

Was sagt all die Zeit, die viele von uns im Internet mit Themen rund ums Essen verbringen, über unsere Gesellschaft aus? Und wie ändert das die gesamte Gastronomie?

In der Sprache spiegelt sich ein Wandel bereits wider: Zusätzlich zum “Gourmet”, der luxuriöses Essen sucht, gibt es den “Foodie”, der immer gut essen will, aber nicht unbedingt teuer
In der Sprache spiegelt sich ein Wandel bereits wider: Zusätzlich zum “Gourmet”, der luxuriöses Essen sucht, gibt es den “Foodie”, der immer gut essen will, aber nicht unbedingt teuer. Foodies stehen auf regionale Produkte, shoppen auf Märkten und verbringen gern einen großen Teil ihrer Zeit mit “Foodporns”. Sie ergötzen sich an wunderschönen Essensbildern im Netz wie an saftigen Steaks oder Schokokuchen.

Foodpornografie wird zwar vielfach im Internet ausgelebt – doch der Reiz am Posten und Betrachten der Essensfoto hat mit einem größeren gesellschaftlichen Wandel zu tun, meint die Ernährungswissenschafterin und Trendforscherin Hanni Rützler: “Essen wird zunehmend als Tool gesehen, mit dem wir uns ausdrücken. Mit dem, was man isst, und mit dem, was man nicht isst, zeigt man, wer man ist. Weil Essen auch eine Selbstdarstellung ist, betreiben zum Beispiel Modemarken mittlerweile auch eigene Restaurants.”

Sind wir Essensfoto-Poster also alle digitale Narzissten, die ihre Bilder wie Lifestyle-Trophäen sehen? Hanni Rützler findet diese Form des Nahrungsexhibitionismus eher positiv: “Was wir in vielfacher Weise beobachten können, ist eine Rückeroberung des Essens. Gerade eine junge Zielgruppe spricht sehr viel miteinander über Esskultur und tauscht sich auch im Internet darüber aus.” Das verändere auch, wie sich Wirte und Restaurantbetreiber positionieren müssen.

“Ein großer Teil meiner Kunden weiß schon, was er bestellt, wenn er das Lokal betritt. Sie haben sich online längst entschieden”, sagt der Gastronom Michael Vesely. Mit seiner Frau Adelheid Reisinger betreibt er das kleine Wiener Innenstadtlokal “Reisinger’s“, das so gut läuft, dass sie mittlerweile lediglich zu Mittag aufsperren. Das Restaurant passt ganz zum Zeitgeist vieler Foodies: Die Zutaten kommen von kleinen Produzenten aus der Umgebung, um Fertigprodukte wird ein großer Bogen gemacht. Dass man sich als eine “Slow Food”-Gaststätte mit vielen lokalen Lieferanten versteht, wird auch stolz auf der Website beworben. Vesely kennt sich mit Online-Marketing aus: Er war früher Manager in der IT-Branche. Er weiß, dass sich das Internet wunderbar eignet, um Neugier zu wecken und einen Hype zu erzeugen.

Um sich ins Radarsystem der Foodies zu rücken, fungiert die künstliche Verknappung als beliebtes Rezept
Um sich ins Radarsystem der Foodies zu rücken, fungiert die künstliche Verknappung als beliebtes Rezept. Sogenannte Pop-up-Lokale haben nur eine beschränkte Zeit lang aufgesperrt, oft einige Monate, manchmal gar nur ein paar Stunden. An einem Samstag im Mai etwa verkauften Michael Vesely und Adelheid Reisinger Pastrami auf dem Wiener Brunnenmarkt -also jenes zarte, saftige Rindfleisch, das viele aus den New Yorker Delis (und dem Film “Harry und Sally”) kennen. Über Wochen hinweg wurde das Projekt online angekündigt, auf Facebook gab es 1300 Anmeldungen für das Event, das gerade einmal drei Stunden dauerte. Die Nachfrage war so erfolgreich geschürt worden, dass Menschen sogar 40 Minuten auf ihr Pastrami-Sandwich in der Schlange warteten.

Nicht nur in der Bundeshauptstadt gibt es solche Pop-ups. Das Salzburger Restaurant “Paradoxon” hat in der Vergangenheit immer wieder neue Konzepte ausprobiert – zuletzt konnten sich im Lokal die Gäste ihre Bärte von einem Barbier trimmen lassen. Das passt dann auch wunderbar zur digitalen Selbstdarstellung: Ein Essensfoto haben viele schon gepostet -aber eine Lokalaufnahme mit einem Barbier darauf, das ist dann selbst auf dem Bilderportal Instagram eine Seltenheit.

So beeinflusst der digitale Wettbewerb um “Likes” tatsächlich auch reale Speisen. Wer nicht gerade das Billigsegment bewirtet, achtet darauf, dass das Essen Instagram-tauglich ist. Die Fotos davon sollen so verlockend und cool aussehen, dass Menschen das auch auf Instagram teilen. Von der Einrichtung bis zur Anrichtung verfolgen viele Lokale ein ästhetisches Konzept. Der Burger kommt nicht auf irgendeinem Teller, sondern auf einem urig wirkenden Holzbrett, dazu die Pommes cool aufgestellt im Glas -“shabby chic” heißt der Look und lässt sich beispielsweise im Bistro der Wiener Bäckerei Joseph Brot im 3. Wiener Bezirk beobachten (und selbstverständlich fotografieren). Auf einem der papierenen Untersetzer, die auf den Tischen liegen, steht keck: “Bitte nur die eigenen Speisen fotografieren.” Ob sich alle Gäste bisher daran gehalten haben, darf hinterfragt werden. Dabei sind die Wirte oft selbst die stärksten Konsumenten von Foodporn. “Abends, bevor ich schlafen geh, schau ich gern noch auf Instagram: Was haben die anderen Geiles produziert ? Sicher bringt einen das auch auf Ideen, was gut ausschaut”, sagt Josef Weghaupt, Chef von Joseph Brot. Auf diese Weise reisen auch Essens-Designtrends rasch um den Globus: Man muss gar nicht im dänischen Spitzenrestaurant Noma dinieren, um zu wissen, wie dort die Speisen angerichtet werden -um dies womöglich auch zu kopieren.

Die Foodpornografie hat Gerichte in vielen Gasthäusern zur stilistischen Herausforderung werden lassen
Die Foodpornografie hat Gerichte in vielen Gasthäusern zur stilistischen Herausforderung werden lassen. Die Schattenseite des Ganzen ist, dass einander vieles ähnlich ist -von der Optik bis zur Speisekarte. Egal, ob man in Brooklyn oder in Innsbruck isst, hippe Lokalen bieten oft ähnliche Gerichte: Zur Zeit sind Burger, Pulled Pork Sandwiches und als Dessert Cheesecakes angesagt. Und zum Runterspülen gibt es natürlich ein Craft Beer, also handwerklich gebrautes Bier aus kleinen, hippen Brauereien. Eine solche “Microbrewery” ist etwa Bierol aus Schwoich in Tirol, die 2014 von drei Mittzwanzigern gegründet wurde. Ihr stark gehopftes, geschmacksintensives Craft Beer entspricht ganz dem Trend.

Doch führen die Hypes im Internet nicht erst recht zur Gefahr, dass sehr ähnliche Biere auf den Markt kommen?”Das ist nicht nur eine Gefahr, das ist so”, meint Christoph Bichler, einer der Gründer von Bierol. Zum Beispiel sind aktuell Sauerbiere total angesagt -wer als Braumeister mit dem Zeitgeist segelt, fährt derzeit mit Sauerbieren auf die großen Biermessen.

Dass es weltweit einheitlichen Geschmack gibt, sehen auch Onlinedienste wie Foodora: Erst vor zwei Jahren gegründet, ist der Zustelldienst mittlerweile auf zehn Märkten aktiv. In all diesen Ländern – von Australien über Schweden bis nach Kanada – lieben die Kunden Burger. Seit gut einem Jahr ist Foodora, ein Münchner Unternehmen, auch in Wien tätig. “Unsere Zielgruppe ist zwischen 25 und 40 Jahre alt. Wir sprechen viele Young Professionals an, also Singles, berufstätige Paare, oder auch Jungfamilien”, sagt Julian Dames, 28, einer der Gründer des Unternehmens.

Für den Kunden ist das System simpel, wenn auch nicht unbedingt preisgünstig: Man zahlt eine Liefergebühr von 3,50 Euro und dazu Preise wie im Restaurant. Der Mindestbestellwert beträgt 15 Euro. Die Hoffnung solcher Start-ups ist, dass die Mittzwanziger und Mittdreißiger nur die Vorreiter eines größeren Trends sind: Dass auch ältere, gut verdienende Konsumenten in Zukunft auf den Geschmack kommen, über eine App das Essen auszuwählen.

Die Rechnung ist dabei eng kalkuliert: Zum einen hat Foodora – verglichen mit anderen Internetdienstleistern -hohe Personalkosten. In jeder neuen Stadt gibt es ein eigenes Team, weltweit engagiert Foodora bereits 1000 Mitarbeiter und 8000 Fahrer (von denen die meisten angestellt sind). Zum anderen ist es auch für die Wirte kein so großes Geschäft, wie man denken könnte. 25 bis 30 Prozent des Umsatzes sind Konzession. Manch ein Restaurant stieg auch schon wieder aus dem Lieferservice aus – etwa das Wiener Traditionsrestaurant Figlmüller, bekannt für sein Schnitzel. “Es ging mir aber nicht einfach nur um Prozente, also wie viel Foodora von uns erhält. Wir hatten zum Start einen Vertrag ausgehandelt – und den wollte man zwei Mal nachjustieren. Das hat mich gestört”, sagt Thomas Figlmüller, 37. An sich ist er dem Zustelldienst positiv gegenüber eingestellt -anders als manch anderer Gastronom glaubt er nicht, dass die Internetdienstleister dem klassischen “Grätzlgasthaus” das Geschäft wegnehmen. “Ich halte das großteils für ein Zusatzgeschäft: Ins Wirtshaus gehe ich doch nicht nur wegen des Essens, sondern auch wegen der Atmosphäre und des Tapetenwechsels.”

Laut Trendforscherin Hanni Rützler sind Online-Zustelldienste eine logische Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel seit den 1970er-Jahren
Laut Trendforscherin Hanni Rützler sind Online-Zustelldienste eine logische Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel seit den 1970er-Jahren: Zunehmend wurde es normal, dass Frauen nicht jeden Abend zu Hause kochen. Männer entdeckten auch das Hobbykochen -und heutige “Food Startups” wie Foodora oder Hello Fresh spiegeln das alles online wider: “Die Apps helfen Menschen, sich besser über Ernährung und Speisen zu informieren. Die Technik ist aber nur ein Hilfsmittel von vielen. Wir sehen vielmehr einen generellen Wertewandel, speziell im urbanen Raum. Es geht nicht mehr um das schnellere Auto, die größere Portion, sondern auch um bewusstes und lustvolles Essen.”

Es ist somit falsch, dass Technik unsere Gesellschaft verändert. Sie erweitert nur das Spektrum der Möglichkeiten. Vielmehr setzen sich jene digitalen Dienste durch, die den neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden -und sei es das dringende Verlangen nach einem glutenfreien Tofu-Burger.

 

Dieser Artikel ist in profil (Ausgabe 35/16) erschienen unter dem Titel “Food-Pornografie”. Das abgebildete Foto habe ich im Bistrot von Joseph Brot gemacht.

Vier Mythen über den Hass im Netz

Dieses Video habe ich für profil und die Initiative #GegenHassimNetz aufgenommen:

#GegenHassimNetz ist eine Initiative vom Nachrichtenmagazin profil und der Tageszeitung Kurier. Hier gibt es mehr Infos.

Tag für Tag ein Propagandastück

Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien, Schreckensmeldungen: Die FPÖ macht gezielt Stimmung im Internet -und liefert ihren Anhängern eine perfekte digitale Parallelrealität.

Von Ingrid Brodnig & Jakob Winter

Mitten in der TV-Diskussion des Privatsenders ATV holte der freiheitliche Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer einen Zettel aus seiner blauen Mappe. Es handelte sich um einen Ausdruck vom Online-Medium unzensuriert. at, den Hofer als Beleg dafür verstanden wissen wollte, wie unwählbar sein Konkurrent sei. Es handelte sich um einen Text über den Rapper Nazar, der sich für den Kandidaten Van der Bellen aussprach.

Unzensuriert.at ist eine Website, auf der Propaganda im freiheitlichen Sinne verbreitet wird. Die Blauen haben es geschafft, sich eine digitale Parallelrealität aufzubauen -mit eigenen Sites, mit Videonachrichten und Facebook-Accounts. Fans und “besorgte Bürger” werden dort permanent mit parteigenehmen Informationen versorgt. Die Online-Inszenierung erklärt einen Teil des Erfolgs der Freiheitlichen. Weitgehend unbemerkt von den traditionellen Medien und klassischen Parteien entsteht im Netz ein neuer Machtfaktor in der Meinungsbildung.

Der blaue Kanal

Wer sich länger auf der Plattform unzensuriert.at umsieht, kann den Eindruck gewinnen, Österreich stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Der Wiener Bezirk Meidling (“Arabisch-Meidling”) erinnere an einen “Stadtteil in Bagdad”, heißt es beispielsweise. In 15 Jahren werde “die Hälfte der Bevölkerung asylwerberischer Abstammung sein”. Alexander Van der Bellen wird unterstellt, womöglich gar einen “Ausverkauf” der Heimat anzudenken. Als veritabler Erlöser dagegen erscheint Norbert Hofer, der vor “Hetze” von allen Seiten in Schutz genommen und für seinen “sensationellen Wahlkampf” gefeiert wird.

Bezeichnenderweise wird unzensuriert.at von führenden FPÖ-Mitarbeitern verantwortet: Der Geschäftsführer der Website, Walter Asperl, arbeitet als Referent im blauen Parlamentsklub
Die Website kann längst nicht mehr als unbedeutendes Blog abgetan werden. Laut der Branchenseite 1000flies.de zählte eine Meldung des Portals im Jahr 2015 zu den drei Artikeln mit den meisten Interaktionen auf Facebook (Likes, Shares und Kommentare zusammengerechnet) im deutschsprachigen Raum. Geschickt nutzt die Plattform, die sich selbst als “nonkonformistisch” bezeichnet, die Skepsis gegenüber etablierten Medien, denen Parteilichkeit vorgeworfen wird.

Bezeichnenderweise wird unzensuriert.at von führenden FPÖ-Mitarbeitern verantwortet: Der Geschäftsführer der Website, Walter Asperl, arbeitet als Referent im blauen Parlamentsklub. Als Chefredakteur gilt Alexander Höferl, der hauptberuflich Kommunikationschef der Freiheitlichen ist. Wohlgemerkt: Er bestreitet, Chefredakteur des Portals zu sein – obwohl mehrere Artikel auf unzensuriert.at ihn als solchen beschreiben. Höferl verantwortet auch FPÖ-TV, den YouTube-Kanal der Partei. Sein Faible für journalistisch anmutende Projekte kommt nicht von ungefähr: Er war einst Journalist beim ORF Niederösterreich -ausgerechnet beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk also, den die FPÖ so gern kritisiert. Zu einem Gespräch mit profil war er nicht bereit.

Der Name “Unzensuriert” suggeriert Unabhängigkeit. Tatsächlich aber ist das Blog fixer Bestandteil der freiheitlichen Öffentlichkeitsstrategie. “Im blauen Mediensystem fungiert unzensuriert.at als Dreckschleuder. Gezielt werden dort sehr harte Texte über alle verfasst, die der FPÖ nicht recht sind”, sagt der Grünen-Nationalratsabgeordnete Karl Öllinger, der auf seiner Website stopptdierechten.at seit Jahren die einschlägige Szene im Netz beobachtet. Politiker, Prominente und Journalisten werden von unzensuriert.at gern vorgeführt. Nachdem profil-Herausgeber Christian Rainer die deutschnationalen und rassistischen Tendenzen in den Bildern von Norbert Hofers Lieblingsmaler Manfred “Odin” Wiesinger thematisiert hatte, höhnte unzensuriert. at, ob Rainer “der Rasse-Beauftragte der Regierung oder gar der Justiz” sei.

In den Leserkommentaren wurden FPÖ-Kritiker dann als “‘journaillistischer’ Abschaum” beschimpft oder der Präsidentschaftskandidat Van der Bellen als “EINGEBÜRGERTER Österreich hassender AUS-LÄNDER” verunglimpft, der gar nicht das Recht haben solle, zu kandidieren. Das Team von unzensuriert.at löscht solche Hasspostings nicht -auch ein Statement.

Reichweitenbringer Facebook

Die Fanpage von Heinz-Christian Strache auf Facebook sei “die Drehscheibe unserer Kommunikation”, erklärte Alexander Höferl gegenüber dem “Kurier“. Über Facebook kann die FPÖ tatsächlich ein Millionenpublikum erreichen. Mit 350.000 Fans ist Strache der erfolgreichste österreichische Politiker auf Facebook, und zwar mit großem Abstand. Norbert Hofer hat 190.000 Anhänger. Erst auf Platz drei findet sich ein Politiker anderer Couleur: Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) mit 165.000 Fans.

Man kann davon ausgehen, dass Straches Beiträge einer Million Nutzer eingeblendet werden
Entscheidend ist jedoch nicht die Fanzahl allein, sondern das Ausmaß der Interaktion auf Facebook. Viele Likes führen dazu, dass Beiträge auch mehr Nutzern angezeigt werden. Hier ist Strache besonders erfolgreich: Im Schnitt bekommt er pro Posting 1900 Likes, besagt das Analysetool fanpagekarma.com. “Man kann davon ausgehen, dass Straches Beiträge einer Million Nutzer eingeblendet werden. Das macht den Facebook-Auftritt für die Partei so wichtig. Sie braucht etablierte Medien nicht”, sagt der deutsche Politik-und Digitalberater Martin Fuchs: “Populisten tun sich auf Facebook auch besonders leicht. Sie müssen keine politischen Kompromisse vertreten wie manche Regierungspartei. Sie können auch eine sehr emotionale Sprache verwenden. Bei Strache sieht man, dass er oft Worte wie ‘unfassbar’,’fassungslos’ oder ‘wütend’ verwendet.”

Neben Zeitungsartikeln, die gut in sein Weltbild passen, teilen Heinz-Christian Strache und sein Team auch Inhalte, die bestenfalls halbwahr sind. Ein Beispiel: Straches Account verbreitete ein Wahlplakat Van der Bellens auf Türkisch und schrieb dazu: “Bezeichnend!” Tatsächlich war dieses Sujet eine Erfindung; es stammte nicht von Van der Bellens Wahlkampfteam. Als Quelle wurde ein Institut angegeben, das gar nicht existiert. Obwohl die Website Mimikama.at dies aufdeckte, teilte Straches Fanpage dieses Sujet Tage später noch einmal. Hauptsache, es kann Stimmung gemacht werden -ob die Fakten stimmen, ist Nebensache.

Ein Teil des digitalen Erfolgs der Freiheitlichen basiert auf der Kraft der Suggestion: Schüre so lange Ängste, bis die Menschen sich wirklich fürchten! Das Netz bietet für Parteien die Chance, mit entsprechenden Botschaften ihre Wähler direkt anzusprechen -ohne den lästigen Umweg über kritische Medien.

Das Weltbild dahinter

Neben Texten von parteinahen Sites oder klassischen Medien werden von Strache gern obskure Blogs online geteilt -etwa “Sputnik News”, ein russischer Propagandakanal. Auch bei Verschwörungstheoretikern dockt Strache an. Die Behauptung, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel ein Komplott der Chemieindustrie seien, um die Bevölkerung zu vergiften, findet Strache durchaus nicht abwegig. Auf Facebook schreibt er: “Manche ‘Verschwörungstheorien’ sind reale ‘Verschwörungspraxis’! :)”

Das Kalkül der Rechtspopulisten: Verschwörungstheorien reduzieren die Komplexität der Wirklichkeit und brandmarken Sündenböcke. Die Zielscheiben sind austauschbar: Einst waren es Templer und Juden, heute sind es Flüchtlinge. Das macht Verschwörungstheorien so attraktiv für Populisten: Wer glaubt, Regierung und Medien hätten sich gegen die Bevölkerung verschworen, wird eher geneigt sein, obskuren Blogs zu glauben.

Die Neuen Rechten möchten eine konservativ-autoritäre Wende in der Gesellschaft einleiten, einen Prozess, den sie selbst als ‘Reconquista’ bezeichnen
Manch eine Verschwörungstheorie ist alles andere als harmlos. Im Netz ist oft von einem drohenden “Bürgerkrieg” die Rede. Dahinter verbirgt sich eine Strategie der sogenannten Neuen Rechten, mit dem Ziel, ihr Weltbild zu verbreiten. Springerstiefel und Bomberjacken haben sie ausgemustert, vom Nationalsozialismus grenzen sie sich üblicherweise ab. Visuell und inhaltlich pflegen die Neuen Rechten ein Erscheinungsbild, das Anknüpfungen in breitere Gesellschaftsschichten erlaubt. Statt Rassenlehre wird Kulturkampf geboten: Warnungen vor dem “großen Austausch” der Bevölkerung und einer daraus resultierenden Spaltung der Gesellschaft – zwischen Muslimen und allen anderen. Die Neuen Rechten möchten eine konservativ-autoritäre Wende in der Gesellschaft einleiten, einen Prozess, den sie selbst als “Reconquista” bezeichnen.

Das FPÖ-Blog unzensuriert.at pflegt beste Kontakte zu führenden Köpfen der Neuen Rechten, etwa zum Deutschen Götz Kubitschek. Der frühere Aktivist der islamfeindlichen Pegida-Bewegung organisiert die jährliche “Zwischentag”-Messe, ein Forum für neurechte bis rechtsextreme Medien. Auch “unzensuriert.at” stellte dort in den Jahren 2012 und 2013 aus.

Wie Lügen entblößt werden

Die Internetstrategie der FPÖ ist einer der Gründe für die Zuwächse der Freiheitlichen. Die Rechtspopulisten sind seit Jahren konsequent auf Facebook präsent, sie haben Sites wie FPÖ-TV und unzensuriert.at aufgebaut und binden damit eine stetig wachsende Fangemeinde an die Partei. Die politischen Mitbewerber gehen im Vergleich nahezu dilettantisch vor: Andere Parteien nehmen Social Media oft nur zu Wahlkampfzeiten ernst; die SPÖ etwa startete sogar erst einen Monat vor der Bundespräsidentenwahl den Facebook-Account ihres Kandidaten Rudolf Hundstorfer.

Andere sind schon etwas weiter: Die Grünen klagten beispielsweise User, die gefälschte Zitate von Parteichefin Eva Glawischnig auf Facebook weiterverbreiteten. Hier sollte mit Lügen gezielt Stimmung gemacht werden. Ein Teil der Poster stammt übrigens laut den Grünen aus dem Umfeld der FPÖ.

Sicher gibt es Menschen, die glauben unseren Korrekturen partout nicht. Aber generell sind Richtigstellungen schon wirkungsvoll
Das Portal Mimikama.at deckt solche Propaganda-Fakes auf. Auch Heinz-Christian Strache wurden dort schon Falschmeldungen nachgewiesen. “Sicher gibt es Menschen, die glauben unseren Korrekturen partout nicht. Aber generell sind Richtigstellungen schon wirkungsvoll. Zum Beispiel schreiben uns immer wieder Leute:,Danke, dass ihr das aufgeklärt habt. Ich wäre fast auf die Falschmeldung hereingefallen'”, sagt Andre Wolf, einer der Betreiber von Mimikama.at und der dazugehörigen Facebook- Site “Zuerst denken – dann klicken“. Dieser Facebook-Account hat immerhin 640.000 Fans.

Trotz der Aufklärungsarbeit von Sites wie Mimikama.at oder zahlreichen Klagen gegen unzensuriert.at gibt es noch genügend Menschen, die den blauen Kanälen mehr Glauben schenken als seriösen Medien. Norbert Hofer ist einer von ihnen -wie er im ATV-Duell bewies, als er einen Ausdruck von unzensuriert.at hervorkramte.

 

Weiterführende Information:

Hier hat auch der Standard eine Datenauswertung und Analyse vom Facebook-Auftritt von Heinz-Christian Strache gemacht, durfte im Text auch kurz zu Wort kommen.

 

Dieser Artikel erschien in profil (Ausgabe 21/16) und wurde gemeinsam von Jakob Winter und mir verfasst. Foto: Franz Johann Morgenbesser auf Flickr (gemäß der dort angegebenen Creative-Commons-Lizenz).

 

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