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May 08 2018

Warum sind die Rechten so hip im Netz?

Jetzt online! Mein Vortrag von der re:publica: Wie Rechte gekonnt das Internet nutzen – und was wir von ihnen lernen können. Video und Transkript

Ich bin seit einiger Zeit etwas nachdenklich. Mir scheint, dass sich etwas verändert hat im Intzernet. Dass rechte Stimmen umso lauter, umso sichtbarer geworden sind. Am deutlichsten fällt mir das auf Twitter auf, wo ich merkte, dass ich immer öfter von rechten Accounts angeschrieben, auch angegangen werde. Ich gebe ein Beispiel für so einen Tweet – es ist ein eher unfreundlicher Tweet. Ein User erklärt mir darin: „Wenn sie nichts besseres mit sich anzufangen wissen, begehen sie von mir aus Suizid.“

Noch ein Beispiel – etwas weniger krass: Hier schreibt mir ein User, dass ich ein „bückehals“ sei. Ich glaube nur, ehrlich gesagt, dass das kein wirklich existierendes Wort ist. Darunter ist ein Bild beigefügt, wo Theodor Körner zitiert wird mit der Aussage: „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“

Das Zitat klingt ein bisschen bedrohlich. Vor allem aber stimmt es nicht. Es gibt keinen Nachweis, dass Theodor Körner das jemals gesagt hätte. Also mit einem Wort, das es nicht gibt, und einem Zitat, das erfunden wurde, versucht dieser User, seine intellektuelle Erhabenheit zu belegen.

Aber mir geht es gerade gar nicht so sehr um die Inhalte. Mir geht es auch um die Quantität, mein Eindruck ist, dass ich früher nicht so viel Zeug abbekam. Dass vor 5, 6 Jahren weniger solche rechte User auf Twitter waren. Und weil ich mich gefragt habe, ob das nur ein Bauchgefühl ist, oder ob da mehr dahinter steckt, habe ich den Datenspezialisten Luca Hammer kontaktiert.

Er konnte konkrete Zahlen für Twitter ermitteln. Luca hat Accounts der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich und Deutschland gesammelt und analysiert, welche User mit vielen solchen rechten Accounts verknüpft sind. Das hat er dann als rechtes Milieu auf Twitter ausgewertet und kommt zum Schluss, dass 19.000 solche rechte Accounts aus dem deutschsprachigen Raum zu finden sind. Spannend ist aber vor allem, wann diese Accounts registriert wurden. Er hat diese Statistik erstellt – wir sehen: Viele dieser rechten Accounts sind nur ein, zwei oder drei Jahre alt.

Auswertung: Luca Hammer

Diese rechte Blase auf Twitter, die ist tatsächlich ein neues Phänomen. Da hat sich etwas verändert. Wir sehen zunehmend erfolgreiche Rechte im Netz, die auch versuchen, Räume im Internet zu erobern.

Wenn ich von Rechten im Netz spreche, meine ich sowohl das Lager der Rechtsextremisten als auch das Lager der Rechtspopulisten. Denn einerseits gibt es sehr wohl Verknüpfungen zwischen diesen Lagern. Und andererseits interessiert mich generell die Frage: Warum sind die so geschickt online? Was machen die richtig?

Warum sind die Rechten so hip im Netz – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung? Darum wird es heute gehen. Ich werde darüber sprechen, was die Rechten geschickt machen. Aber ich werde auch Lösungsvorschläge liefern, was man tun kann, wenn man den Rechten im Internet etwas entgegensetzen will. Denn das ist auch möglich.

Das Ganze ist auch deswegen eine interessante Frage, weil wir ursprünglich eine andere Erwartungshaltung an das Internet hatten. Weil es schon diese Idee gab, dass im Internet eine sachlichere und fairere Debatte möglich ist.

Ich übertreibe hier nicht, es gab diese Internet-Utopie. Und um das vorzuführen, habe ich etwas mitgebracht. Ein Werbespot aus dem Jahr 1997 von einem Internetprovider namens MCI, der damals versprochen hat, im Internet wird Geschlecht nicht mehr wichtig sein: „There is no race, there is no gender“. Ich zeige das schnell, es ist ein ziemlich brisantes Video:

Utopia? No, the internet.

Heute, 20 Jahre später, leben wir in einer Welt, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Und in der die AfD mit 12,6 Prozent im Bundestag sitzt. Und in der in Österreich die rechtspopulistische FPÖ mit an der Macht ist.

Heute, 20 Jahre später, leben wir in einer Welt, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. In der die AfD mit 12,6 Prozent im Bundestag sitzt. Und in der in Österreich die rechtspopulistische FPÖ mit an der Macht ist
Es ist falsch, das Internet als Ursache für all das zu sehen. Das Internet ist nicht der Grund, warum sich Menschen von rechten, nationalistischen Ideen angesprochen fühlen – da braucht es einen gesellschaftlichen Nährboden. Aber es ist auf jeden Fall nicht so, dass uns das Internet geholfen hätte, den Rassismus zu überkommen. Im Gegenteil: Rechte Akteure nutzen das Netz sehr geschickt. In ihrer Erfolgsstrategie spielen digitale Tools sogar eine große Rolle. Ich werde heute drei Erklärungen hierfür liefern. Beginnen wir gleich mit der ersten:

Rechtspopulistische Strategien passen meines Erachtens sehr gut zu unserer erhitzten Debatte im Netz. Ein Merkmal rechtspopulistischer Rhetorik ist nämlich das Schüren von Emotion, das Schüren von Wut. Die Linguistin Ruth Wodak schreibt dazu: „Die diskursiven Strategien der ,Täter-Opfer-Umkehr‘, der Bestimmung von ,Sündenböcken‘ und der ,Konstruktion von Verschwörungstheorien‘ gehören […] zum unverzichtbaren ,Werkzeug‘ rechtspopulistischer Rhetorik.“

Wenn ein Politiker der AfD pauschal alle Türken als „Kameltreiber“ verunglimpft oder wenn der österreichische Innenminister sagt, man solle Flüchtlinge „konzentriert“ an einem Ort unterbringen, dann rütteln solche Provokationen an uns.

Solche Worte zwingen uns zur emotionalen Reaktion. Und das ist eines der Erfolgsrezepte der Populisten. Klassische Medien springen auf solche Aussagen auf, thematisieren diese und geben ihnen damit Raum.

Aber auch im Internet ist diese Emotionalisierung geschickt. Weil emotionalisierende Postings mehr Reaktionen hervorrufen. Es gibt ein Experiment, von dem ich häufig erzähle. Der Politologe Timothy Ryan hat politische Werbung auf Facebook getestet. Und er sah, politische Werbung auf Facebook, die Wut auslöst, kriegt mehr als doppelt so viele Klicks wie eine neutralere Botschaft. „Es stimmt, Wut bringt Menschen zum Klicken“, sagte Timothy Ryan zu mir.

Das heißt, für Parteien ist es effektive Strategie, Wut auszulösen, Menschen in Aufruhr zu bringen und dann Klicks zu ernten. Dass wir auf Emotion reagieren, das ist nur menschlich. Aber im Netz kommt ein zweiter Faktor hinzu: Die Technik. Was wir online sehen, wird zunehmend auch von Software – von Algorithmen – bestimmt. Auf Plattformen wie Facebook und Google bestimmt der Algorithmus, was den Usern eingeblendet wird und was nicht.

Ein Problem ist, dass die Rhetorik von Rechtspopulisten anscheinend gut zur Logik solcher Algorithmen passt: Facebook belohnt, wenn ein Post viele Likes, viele Kommentare, viele Shares, viele Reactions bekommt. Das sind diese Reactions – diese Smileys auf Facebook:

Wut bringt Menschen zum Klicken und der Algorithmus sieht solche Signale als Zeichen, dass etwas wichtig ist. Ich habe das einmal als „Empörungswettbewerb“ im Internet bezeichnet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass ein junger Datenwissenschaftler namens Josef Holnburger sich die Arbeit antut, das quantitativ zu überprüfen (hier eine nähere Zusammenfassung seiner Untersuchung von mir). Er hat sich angeschaut, wieviel Reaktionen die Bundestagsparteien bekommen und er sah, dass die AfD viel mehr Reactions als alle anderen Parteien erhält. Er hat mehr als eine Million Reactions der AfD ausgewertet und gesehen, welche Reaktion die AfD vor allem erntet: Wut.

Auswertung: Josef Holnburger

Mehr als die Hälfte aller Reactions auf die AfD sind Wut. Solche Datenauswertungen können nicht verraten, ob die Menschen mit der AfD wütend sind oder über sie. Aber es ist auch egal, weil der Algorithmus beides als positives Signal wertet. Der Verdacht liegt nahe, dass die AfD auch davon profitiert, dass sie online Wut schürt.

Es ist also möglich, dass Technik ein Faktor für den Erfolg von Rechtspopulisten ist. Wir wissen das nicht so genau, weil Facebook bisher keine unabhängigen Untersuchungen hierzu erlaubt. Die Plattform hat ja angekündigt, künftig mehr mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass diese Wissenschaftler auch den Algorithmus analysieren dürfen. Das wissen wir bisher nicht. Aber wir hätten Aufklärung verdient.

Aber Technik ist gewiss nicht der einzige Faktor: Ich komme zum zweiten Grund.

Sketchnote: Ania Groß

Ich merke an mir selbst, dass ich immer wieder überrascht bin, wenn Rechte so erfolgreich sind. Und ich glaube, ich sitze da einem Denkfehler auf. Nämlich, dass man sehr leicht moderne Medien mit einer modernen Gesellschaftshaltung assoziiert. Aber natürlich ist es nicht so, dass Technik immer nur von einer Seite genutzt werden kann. Es lässt sich sogar beobachten, dass nationalistische Gruppierungen sehr technologieaffin sind, weil sie in Technik immer auch die Chance sehen, ihre Ideologie verbreiten zu können.

Das berühmteste Beispiel aus der Geschichte, das schlimmste Beispiel, sind natürlich die Nationalsozialisten mit ihrer Affinität zu neuen Medien. Aber ich war überrascht, zu lernen, dass auch andere extreme Gruppierungen weltweit sehr technikaffin sind.

Zum Beispiel hat der Ku-Klux-Klan in den USA schon in den 1920er-Jahren Filmproduktionsstudios besessen und eigene Filme produziert, die Rassismus fördern sollten, und hat das öffentlich vorgeführt. Das erzählte mir die Soziologieprofessorin Jessie Daniels vom Hunter College, die ein ganzes Buch über das Thema geschrieben hat namens „Cyber Racism“.

Von ihr weiß ich auch, die Technikbegeisterung des Ku-Klux-Klan, die währt an. Vielleicht sagt jemanden der Name David Duke etwas. Das ist einer der bekanntesten Neonazis aus den USA, er war auch Grand Wizard bei einer Ku-Klux-Klan-Organisation, also deren Leiter.

Im Jahr 1998 schrieb David Duke auf seiner Webseite: „Ich glaube, dass das Internet eine Kettenreaktion der rassischen Aufklärung auslöst, die die Welt mit der Geschwindigkeit ihrer intellektuellen Eroberung erschüttern wird.“

Offensichtlich mögen Rechtsextreme solche pompösen Ankündigungen. Aber faszinierend ist das schon, in welchem Jahr David Duke das schrieb: 1998, vor 20 Jahren. Erinnern wir uns, der Werbefilm, den ich vorher zeigte, der lief ungefähr zur gleichen Zeit.

Während im Mainstream Spots liefen, die uns erklärten, „there is no race, there is no gender“, arbeiteten die Rechtsextremen schon daran, den Rassismus salonfähig zu machen. Zunehmend sehen wir jetzt diese Eroberungsstrategie, auch in Deutschland, in Österreich, im deutschsprachigen Raum. Erst kürzlich lief die beeindruckende Doku „Lösch dich“, die zeigte, wie Rechte und Rechtsextreme den Discord-Server „Reconquista Germanica“ zur Rekrutierung von Mitläufern, aber auch zum Niedermachen, zum Fertigmachen von Andersdenkenden benutzen. Denn auch das ist eine rechte Strategie – besonders aggressiv zu sein, um die anderen einfach wegzumobben.

Für uns mag Reconquista Germanica verstörend oder skurril sein, etwa dass die User in Rängen eingeteilt werden oder dass es ein eigenes Bewerbungsverfahren dafür gibt. Aber für einige User, speziell junge Männer in dieser Szene, ist das ihre Jugendkultur geworden. Dieses Auflehnen gegen den Mainstream, gegen das vermeintliche „Dogma“ der „Politisch Korrekten“ wird als rebellischer Akt verkauft.

Das ist ein genialer Marketing-Trick der extremen Rechten: Rückwärtsgewandte Ideen wie der Nationalstaat oder das traditionelle Familienbild werden plötzlich als etwas revolutionär Neues verkauft, als Teil einer Jugendkultur. Und dass diese Gruppierungen auch als „Neue Rechte“ bezeichnet werden, ist auch ein Marketing-Trick. Denn hier wird eigentlich nur altes Gedankengut neu aufgepeppt.

Sehr viele Aktivitäten der extremen Rechten bauen darauf auf, die Community weiter auszubauen. Reconquista Germanica ist nur ein Beispiel, ein anderes: Es scheint zu sein, dass die Identitäre Bewegung in Kürze ihre App „Patriot Peer“ starten könnte. Zumindest gibt es schon einen Prototypen für Android, der neulich in einem Video gezeigt wurde.

Zur Erklärung: Patriot Peer ist eine Smartphone-App, die Gleichdenkende leichter zusammenbringen soll. Man startet das Programm und auf der Landkarte sieht man, wo in der Nähe ein rechter User ist. Den kann man anpingen und dann auch treffen. Es ist ein weiteres Tool in der Szene, das diese einschwören und ein Wir-Gefühl auslösen soll.
Der Slogan des Ganzen lautet übrigens: „Patriot Peer, die App für die schweigende Mehrheit“. Und das finde ich fast schon wieder lustig: Weil, einerseits behaupten die Rechten, die „schweigende Mehrheit“ zu sein, und andererseits brauchen sie eine App, um einander überhaupt zu finden.

„Einerseits behaupten sie, die ‘schweigende Mehrheit’ zu sein – andererseits brauchen sie eine App, um einander zu finden…“@brodnig über die App „Patriot Peer“ und hippe Rechtspopulist*innen im Netz #republica18

— Alina Valjent (@AlinaValjent) 2. Mai 2018

Mal schauen, wann und ob diese App wirklich kommt. Man kann sich vor solchen Ankündigungen auch zu sehr fürchten. Aber es ist eben interessant, wie technologieaffin die Rechten sind, wie sehr sie an neuen Tools arbeiten, die den Mitgliedern suggerieren sollen: Sie seien Teil einer riesigen Bewegung.

Solche rechten Gruppierungen im Netz nutzen diese Online-Tools, um mächtiger und größer zu wirken, als sie es wirklich sind. Es gibt aber noch einen dritten Grund, warum die Rechten online so erfolgreich sind: Und das ist ihre Beharrlichkeit.

Wir Österreicher haben ja schon seit Jahrzehnten Rechtspopulisten im Parlament. Die FPÖ war auch tatsächlich die erste Partei in Österreich, die mit einer richtigen Onlinestrategie auffiel. Zum Beispiel führten die Freiheitlichen schon 2012 „FPÖ-TV“ ein. Ein YouTube-Kanal, wo sie eigenes Programm machen. Der YouTube-Kanal hat nicht sonderlich viele Klickzahlen, aber darum geht es gar nicht: Seit der Einführung von FPÖ-TV hat die Partei ein eigenes Videoteam. Und diese Videos werden vor allem auf Facebook massentauglich ausgestrahlt. Die Partei hat also früh daran gearbeitet, Content zu erstellen, und somit die Erzählung der eigenen Partei immer neu wiederholen zu können.

Das meine ich mit Beharrlichkeit. Und auch die AfD ist eine beharrliche Partei. Als Österreicherin finde ich es immer wieder faszinierend, wie schnell sich diese Partei eine Vielzahl von Accounts aufgebaut hat, wie rasch sie diese – wie sie es nennt – „Instrumente der Gegenmacht“ errichtete.

Andere Parteien arbeiten weniger kontinuierlich. Da wird schnell vor der Wahl ein pompöser Social-Media-Auftritt eingeführt: Und am Tag nach der Wahl ist es damit aus – der Kanal wird abgedreht oder vernachlässigt. Erst kürzlich war das bei Martin Schulz zu beobachten, wo auffiel, dass er nach der Wahl kaum noch sich zu Wort meldete. Anderen Parteien mangelt es also an dieser Beharrlichkeit. Und mit Beharrlichkeit meine ich nicht nur, wie oft man etwas postet, bei Beharrlichkeit geht es auch um Inhalte.

Parteien wie die AfD verändern, worüber in Deutschland gesprochen wird. Sie erweitern und sie verschieben die Debatte. Ähnlich wie das einst die Grünen taten. Nur reden wir jetzt nicht über Umweltschutz und über Baumsterben, wir reden darüber, wie gefährlich die Zuwanderung ist oder ob Deutschland ein christliches Land ist.

Natürlich verschiebt das die Debatte. Zu solchen Fragen zitiere ich gerne Elisabeth Wehling, eine Linguistin, deren Arbeit ich sehr schätze. Sie ist übrigens morgen auch hier. Elisabeth Wehling forscht zu Frames, das ist eine wissenschaftliche Theorie, die die Macht von Worten erklären kann.

Um diese These kurz zu erklären: Wenn wir Menschen ein Wort hören, dann verstehen wir dieses Wort über einen Frame – das ist ein Deutungsrahmen in unserem Gehirn. Frames bringen quasi die Assoziationen, mit denen wir Information verstehen.

Ein simples Beispiel: Ich sage Ihnen den Satz, „der Vogel ist am Himmel“. Stellen Sie sich das kurz vor: Der Vogel ist am Himmel. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie sich einen Vogel mit gespreizten Flügeln vorgestellt haben. Oder? Aber in dem Satz „der Vogel ist am Himmel“ steckt diese Information gar nicht drinnen: Sie wissen nur aus Ihrer Erfahrung, wenn ein Vogel am Himmel ist, dann fliegt er, und wenn er fliegt, hat er die Flügel gespreizt. Ihr Hirn hat hier einen Frame abgerufen. Und Frames sind gerade in der politischen Debatte interessant, weil sie Assoziationen wecken. Je öfter man Begriffe gemeinsam hört, desto eher werden diese Begriffe auch verknüpft. Wenn man oft hört „kriminell“ und „Flüchtling“, dann wird zwischen diesen Worten ein stärkerer Zusammenhang in unserer Denkstruktur erstellt. Ideen jedoch, die wir selten hören, sind nicht so präsent in unserem Denken. (Anm.: Näher wird das im Buch “Politisches Framing” von Wehling erklärt)

Gerade Rechtspopulisten arbeiten sehr stark mit der Wiederholung. Und das führt dazu, dass wahrscheinlich jeder von Ihnen einen AfD-Politiker nachahmen könnte. Aber die andere Sicht, den Gegen-Standpunkt können wir oft nicht so gut vertreten – vielleicht auch, weil wir ihn nicht so oft hören.

Zum Beispiel diskutieren wir schon recht oft über die Frage: Wie schlimm ist Political Correctness?
Aber wir diskutieren schon seltener über die Frage: Wie sinnvoll ist Political Correctness? Also dass man nicht gezielt mit Worten andere Menschen verletzt?

Viele Diskussionen, die wir derzeit führen, lassen erahnen, dass rechte Frames schon tief in unserer Gesellschaft angekommen sind. Das Internet ist wirklich nicht der einzige Grund. Aber gerade das Internet eignet sich auch gut für Wiederholung.

Und auch Akteure von Rechtsaußen arbeiten an diesem Verschieben des Diskurses. Es gibt ein interessantes Papier, das 2017 publik wurde und anscheinend eine Schulungsunterlage der Identitären ist. Sie schreiben darin: „Unsere politische Kommunikation muss die Massen erreichen und gut zugänglich sein. (…) Wir wollen uns aber nicht ausschließlich an den Mainstream wenden und dessen Ideen wiedergeben. Wir wollen dessen Meinungen durchsetzen, verschärfen und polarisieren.“

Extreme Akteure wollen die Debatte verschärfen und polarisieren. Dazu möchte ich auf das Thema Memes noch schnell eingehen: Auf jene Bilder, Sätze, Videos, die stets aufs Neue wiederholt, im Kontext verändert, spielerisch adaptiert werden. Dass Rechte mit Memes – mit unterhaltsamen Elementen der Netzkultur – arbeiten, ist ein weiterer Versuch, die Debatte hizujacken. Gerade über Bilder und über scheinbaren Humor soll ein niederschwelliger Zugang zu rechtem Gedankengut geschaffen werden.

Das Motto der diesjährigen Republica ist Pop. Memes sind die Popkultur des Internet und Rechte versuchen, sich diese Popkultur anzueignen. Es ist leider unmöglich, in einem Vortrag zur Frage „wie hip sind die Rechten im Netz“ nicht über das Meme „Pepe the frog“ zu sprechen. Die Aneignung dieses Memes ist bisher der größte popkulturelle Erfolg der Rechten.

Credit: Matt Furie

Zur Erklärung: Pepe the frog war einst eine harmlose Comicfigur, ein Frosch, der ein Junggesellenleben führte und ziemlich viel kiffte. Doch aus dieser harmlosen Comicfigur wurde durch Rechtsextreme von den USA bis Europa ein Hasssymbol. Ein Hasssymbol, bei dem Pepe zum Beispiel grinsend als SS-Offizier vor einem Konzentrationslager gezeigt wird.

Oder sie porträtierten Pepe als Donald Trump oder als Marine Le Pen und wiederholten diese Botschaft so oft, bis die Message überall angekommen war.

 

Ich glaube nicht, dass Rechte so viel internetaffiner als der Rest von uns sind, aber sie sind beharrlich. Und eine Frage gibt mir zu denken: Die Rechte hat ein weltweites Symbol mit Pepe the frog geschaffen. Es gibt kein Meme, das für Progressivität steht. Es gibt keinen Pepe the frog der Gegenseite. Und das zeigt schon etwas.

Ich komme jetzt zu den Lösungen. Und weil mir die Zeit fehlt, kann ich nur schnell zwei liefern. Erstens:

Wir müssen über Technik reden. Weil Technik verändert werden kann. Auf Facebook kann ich „gefällt mir“, „haha“, „wütend“ klicken. Aber ich kann nicht auf „Respekt“ klicken. Dazu gibt es interessante Forschung der Kommunikationswissenschaftlerin Natalie Stroud. Die hat sich mit Kollegen angeschaut, wie sich in Foren das Klickverhalten ändert, wenn nicht ein Like-Knopf, sondern ein „Respect“-Knopf zu finden ist – also ein Knopf, auf dem „Respekt“ draufsteht.

Wenn User nur einen Like-Knopf sehen, klicken sie eher bei Meinungen von Gleichdenkenden auf „gefällt mir“ – und signalisieren Zustimmung.

Wurde aber ein „Respekt“-Knopf eingeführt, dann klickten die Studienteilnehmer viel öfter auch bei Andersdenkenden auf den Knopf. Man signalisierte quasi: Ich respektiere deinen Standpunkt, auch wenn ich ihn nicht unbedingt teile. Und das ist schon beeindruckend, dass man mit dem Austausch eines einzigen Wortes das Userverhalten ändern kann.

Wenn wir Technnik ernstnehmen, sollten wir die Frage aufwerfen, wie Technik designt sein kann, wenn wir das Beste und nicht das Schlechteste von Menschen sichtbar machen wollen. Und natürlich sollten die großen Plattformen auch Forschung hierzu erlauben.

Jetzt meine zweite Anmerkung: Wir haben gesehen, Rechte sind fleißig und sie arbeiten geschickt, ihre Sichtweise zu verbreiten.

“Wir vertrauen zu sehr darauf, dass sich die korrekte Antwort schon irgendwie gesellschaftlich auch durchsetzen wird.” @brodnig über rechte Erfolge im Netz durch Beharrlichkeit und Erzählungen. #rp18 pic.twitter.com/avUftaB63D

— PL (@Paulalouize) 2. Mai 2018

Mein Eindruck ist, die andere Seite – diejenigen, die zum Beispiel Rechtsextremismus ablehnen, – die vertrauen sehr oft darauf, dass sich das bessere Argument schon irgendwie durchsetzen wird. Ich habe ein Buch über die Manipulation im Internet geschrieben namens „Lügen im Netz“, und seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, fällt mir auf:

Mit Fakten alleine gewinnt man leider keine politischen Diskussionen. Dazu eine interessante Untersuchung aus Frankreich: Wissenschaftler haben eine Falschmeldung von Marine Le Pen Studienteilnehmern vorgelegt – und dann auch den Faktencheck.

Marine Le Pen hatte nämlich gesagt, in Deutschland und Ungarn sind 99 Prozent der Flüchtlinge Männer und die kommen nur aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist falsch. Laut UNHCR sind 42 Prozent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kamen, Frauen oder Kinder.

Die Forscher zeigten den Franzosen die falsche Aussage und dann auch den Faktencheck. Die gute Nachricht: Nachdem die Menschen die richtige Information gelesen hatten, glaubten sie die. Sie glaubten eher dem UNHCR als Marine Le Pen.

Aber: Fakten konnten nicht Herzen bewegen. Selbst wenn Bürger den Faktencheck gesehen hatten und zuvor Marine Le Pens Behauptung, führte das dazu, dass sie der Flüchtlingspolitik von Marine Le Pen im Schnitt eine Spur mehr zugeneigt waren. Das heißt, selbst wenn ich die Falschbehauptungen von Rechtspopulisten widerlege, wirken ihre Narrative.

Das führt zu folgendem Schluss: Man braucht in der politischen Debatte nicht nur die besseren Fakten, sondern auch eine überzeugende Erzählung. Und ich glaube, hier liegt eine Schwäche der etablierten Parteien, die die großen Erzählungen oft nicht so klar liefern. Politik ist ein Wettbewerb von Ideen, nur dafür braucht es sichtbare Ideen.

Und vielleicht haben wir uns auch zu sehr daran gewöhnt, dass die Gesellschaft eh immer offener wird. Seit 1968 fand ein Kulturwechsel statt. Zum Beispiel müssen Frauen seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr ihren Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen wollen. Und Homosexuelle bekamen auch immer mehr Rechte mit der Zeit.

Überzeugungsarbeit ist immer auch Arbeit
Wer in dieser Phase der Progressivität aufgewachsen ist, könnte den Eindruck gewinnen, es geht eh automatisch voran. Aber es geht nicht automatisch voran – das muss immer erneut erkämpft werden. Und die Rechten, die kämpfen. Wir sehen derzeit, wie reaktionäre und national ausgerichtete Bewegungen wieder an Boden gewinnen – auch im Terrain namens Internet. Ihr Ziel und ihre Hoffnung ist es, progressive Errungenschaften wieder zurückzubauen. Und ich komme jetzt zum Schluss.

Wenn ich eines von den Rechten gelernt habe, dann wie beharrlich sie an ihrem Gesellschaftsentwurf arbeiten. Wir sehen hier: Überzeugungsarbeit ist immer auch Arbeit.

Und wir sollten nicht die Ideen oder die Inhalte der Rechten kopieren. Wir sollten aber etwas von ihrer Beharrlichkeit lernen.

Danke.

 

Hier das Video des Vortrags:

 

Dieser Text ist das Transkript meines Vortrags von der Konferenz re:publica im Mai 2018 in Berlin, zum besseren Verständnis wurden leichte Versprecher im Transkript ausgebessert. Danke dem Team von der re:publica für das Publizieren des Videos! Den Hinweis auf das Video aus dem Jahr 1997 von Internetprovider MCI bekam ich übrigens auch von Soziologin Jessie Daniels – vielen, vielen Dank auch dafür!

April 05 2018

Cambridge Analytica erklärt – und was wir daraus lernen

Hier ein kleines Update zum Facebook-Skandal, in dem ich zwei Fragen nachgehe: Wie kann es sein, dass rund 30.000 Österreicher und 300.000 Deutsche von CambridgeAnalytica betroffen sind? Und was können wir jetzt gegen solchen Datenmissbrauch tun?

Die Nachricht ist brisant: Wir wissen nun, dass bis zu 33.568 Österreicher & 309.815 deutsche Facebook-Nutzer vom Daten-Absaugen betroffen sind.

1.) Wie lässt sich eine solche – doch recht große – Zahl erklären?

Einige Nutzer füllen gerne Quizzes oder Persönlichkeitstest auf Facebook aus. Die App, die Cambridge Analytica Daten lieferte, war ein solcher Persönlichkeitstest – allerdings wurde den Nutzern nicht gesagt, dass ihre Daten auch für politische Zwecke ausgewertet werden.

Im Grunde liegt dahinter simple Mathematik:
– Gehen wir davon aus, dass ein durchschnittlicher Facebook-User 338 Freunde hat (wie zB hier beschrieben)
– Wenn eine Person die App installierte, die für Cambridge Analytica Daten sammelte, wurden all ihre Daten und die Daten von all ihren Facebook-Freunden abgesaugt

Rechenbeispiel: Laut Facebook haben 13 Österreicher die App, die Cambridge Analytica Daten lieferte, genutzt. Gehen wir (der Einfachheit halber) mal davon aus, dass diese 13 Österreicher im Schnitt 338 Freunde hatten (vielleicht sind es weniger, vielleicht sind es mehr, mir geht es hier nur um das Gedankenspiel).
13 Mal 338 ist 4394. Einfach gesagt: Wenn 13 Bürger diese App nutzen und im Schnitt 338 Freunde haben, hat die App wohl Daten von mehr als 4000 Menschen abgesaugt.

Natürlich wird die tatsächliche Zahl etwas anders sein, aber das Beispiel zeigt: Wenige Nutzer reichten aus, dass die App von tausenden und weltweit von Millionen Daten absaugte. Wichtig ist dabei auch, dass Facebook-Freundesnetzwerke ja nicht an der Ländergrenze enden: Insgesamt sind bis zu 33.568 Österreicher und 309.815 Deutsche betroffen, ihre Daten liegen wahrscheinlich bei Cambridge Analytica. Einige der betroffenen Österreicher oder Deutschen werden mit Usern aus anderen Ländern befreundet sein, die die App installiert hatten. Es scheint, dass diese App wahrlich keine Grenzen kannte – und einfach alle Daten absaugte, auf die sie Zugriff bekam (auch von Europäern).

Denn Facebook hat eine Zeitlang App-Anbietern erlaubt, auch die Daten all der Freunde eines Users abzusaugen (was dieses immense Daten-Abgreifen ermöglichte). Wichtig: Facebook hat das mittlerweile geändert, Apps dürfen nicht mehr die Daten der Facebook-Freunde eines Nutzers absaugen. Das ist ein guter und wichtiger Schritt. Allerdings braucht es nun umso mehr Aufklärung – sowohl von Facebook als auch von politischen Parteien.

2.) Was können wir nun tun? Wie kann die Situation besser werden?

Was kann Facebook tun: Volle Transparenz für alle Betroffenen

Offensichtlich weiß Facebook genau, welche Nutzer diese App verwendet haben. Das Unternehmen kann wohl auch eruieren, wieviele Freunde jeder Nutzer zu einem gewissen Zeitpunkt hatte (und wer diese Freunde genau waren). So sollte es Facebook möglich, zu identifizieren, von welchen Nutzern höchstwahrscheinlich die Daten abgesaugt wurden.

Facebook hat nun schon angekündigt, Nutzer zu informieren, wenn Cambridge Analytica womöglich ihre Daten hat. Ein ähnliches Aufklärungs-Service gab es schon mal. Nachdem bekannt wurde, dass russische Akteure im großen Stil Stimmung im US-Wahlkampf verbreitet haben (und sich dabei als Amerikaner ausgaben), konnten Nutzer nachträglich überprüfen, ob sie solch einem Account gefolgt sind. Spannend wird nun auch sein, ob Facebook den Nutzern womöglich nicht nur verrät, dass sie “potenziell” betroffen sind – oder ob die Plattform auch konkret sagen kann, welche Daten von einem abgegriffen wurden (z.B. Likes oder die eigenen Facebook-Posts). Wir werden sehen, wie viel Klarheit das neue Feature von Facebook bringt. Eines ist klar: Facebook wird auch daran gemessen werden, wie transparent es diese Problematik öffentlich aufarbeitet.

Was die Politik tun kann: Komplett offenlegen, wie sie online werben – und mit welchen Daten

Wir brauchen aber mehr als das: Cambridge Analytica zeigt, wie sehr politische Kampagnen an unseren Daten interessiert sein können. Und diese Daten werden genutzt, um uns maßgeschneiderte Werbung einzublenden.

Um sicherzustellen, dass Daten fair abgegriffen und Werbung im Internet nicht irreführend ist, sollte es Transparenz-Regeln für Parteien geben.

Meines Erachtens sollten im Wahlkampf alle antretenden Parteien verpflichtet werden, folgendes offenzulegen:
• Wieviel Geld sie für Online-Werbung (inklusive Werbung auf sozialen Netzwerken) ausgeben
• Welche Sujets sie welchen Bürgern genau einblenden (damit wir wissen, ob ein 16-jähriger Schüler andere Infos erhält als eine 67-jährige Pensionistin)
• Woher die Parteien ihre Daten haben (inklusive all der PR-Agenturen und Berater, die für sie Werbung schalten)

(Update zu diesen Vorschlägen weiter unten)

Solche Transparenz-Vorschriften ändern nicht, dass es unfaire Aktionen im Netz gibt und dass einzelne Akteure womöglich insgeheim dagegen verstoßen. Aber wenn so etwas dann auffliegt, dann wäre wenigstens klipp und klar, dass hier ein Regelbruch stattfand. Man könnte auch Bußgelder andenken, sodass ein Verstoß gegen Transparenzvorgaben auch tatsächlich finanzielle Konsequenzen bringt (und nicht nur ein paar negative Schlagzeilen).

Solche Transparenzpflichten sind keine Wunderwaffen, aber sie würden zumindest klar machen, dass Wahlkampfwerbung fair und sauber bleiben muss – dass Daten nur mit Bewilligung der Bürger verwendet werden dürfen und dass wir alle Einblick haben sollen, welche Werbebotschaften die Parteien bei unterschiedlichen Bürgern verbreiten.

Denn abseits des Daten-Skandals, den wir derzeit erleben, wirft zielgerichtete Werbung (sogenanntes „Targeting“) auch ethische Fragen auf. Einen Aspekt habe ich in meinem Buch „Lügen im Netz“ beschrieben:

“In meinen Augen birgt exzessives Targeting gesellschaftliche Risiken. Es kann dem Wähler ein verzerrtes Bild eines Kandidaten liefern, und Targeting ist häufig intransparent. Sehr umfassendes Microtargeting kann zum Beispiel dazu führen, dass bei Wählern eine verzerrte Wahrnehmung entsteht. Nehmen wir an, ein Bürger sieht immer wieder Werbung, dass ein Kandidat der demokratischen Partei den Umweltschutz verbessern will. In diesem Fall entsteht vielleicht der Eindruck, dass Umweltschutz eines der Top-Themen des Politikers sei. Das muss gar nicht zutreffen: Die Software eines Targeting-Anbieters kann einfach zum Ergebnis gekommen sein, dass diesen Internetnutzer Umweltschutz interessiert – und deswegen erhält er ständig Werbung dazu, obwohl das Thema nur ein Randthema des Kandidaten ist. Exzessives Targeting kann bewirken, dass gesellschaftliche Gruppen das Gefühl bekommen, ein Kandidat würde genau ihre Wertvorstellungen repräsentieren – auch wenn dies nicht ganz stimmt.”

Wir können aus dem aktuellen Facebook-Skandal viel lernen – hier schon mal drei Erkenntnisse:

• Soziale Netzwerke können nicht darauf vertrauen, dass all ihre Partner und Drittanbieter fair mit Kundendaten umgehen werden. Unternehmen wie Facebook müssen Userdaten so gut absichern, dass unfaire Akteure diese nicht einfach so entwenden können.
• Parteien sollen zu Transparenz noch während des Wahlkampfes verpflichtet werden, das inkludiert auch ihre Berater und PR-Dienstleister. Wir wissen, dass Targeting auch in Österreich und Deutschland zum Einsatz kommt – nicht so extrem wie in den USA, aber auch immer stärker. Dementsprechend muss hier auch die Offenlegungspflicht zunehmen.
• Jede Werbung soll nachvollziehbar sein: Wir sollten Einblick haben, wie Parteien online werben. Werbung im Wahlkampf sollte etwas grundsätzlich öffentliches sein, sodass jeder Bürger (und Journalist) immer nachschauen kann, wie eine Partei bei wem wirbt und ob es Unterschiede in den Botschaften gibt.

Eine Ergänzung: Mir ist bewusst, dass Facebook nun selbst politische Werbung transparenter machen will. Ich halte das für gut! Aber ich glaube, wir sollten nicht nur vom Wohlwollen großer Plattformen abhängig sein, welche Regeln diese für ihre Werbung vorgeben. Es braucht hier klare Standards für Wahlkämpfe, wieviel Transparenz wir auch im Internet wünschen.

 

Update:

Es gibt sogar noch weitreichendere Ideen als meine. Der Forscher Wolfie Christl, der Datenschutz spezialisiert ist, schlägt noch strengere Vorgaben für die Politik vor. Er schreibt auf Twitter:

+ Offenlegung auch von Targeting-Kriterien & Erfolgsstatistiken für jede Ad

— Wolfie Christl (@WolfieChristl) 5. April 2018

Christl argumentiert, dass nicht alle Werbeformen der Politik offenstehen sollten: Zum Beispiel sollten sie keine Zusatzdaten von Drittanbietern einkaufen können, um möglichst exakt den einzelnen Wähler einstufen zu können. Auch sollten ihnen nur sehr rudimentäre Formen des Targetings möglich sein (dass Parteien zB Bürger ansprechen können, die in einer gewissen Region leben, aber nicht viel genauer auf den Bürger zugeschnittene Werbung). Er plädiert außerdem, dass sogenanntes “lookalike”-Targeting nicht möglich sein soll. Auf Facebook kann man zB User bewerben, die ähnlich den bisherigen Fans sind. Über jeden einzelnen dieser Vorschläge (auch meine Punkte) kann man ausführlich diskutieren. Relevante Fragen sind zum Beispiel: Was sollte der Politik erlaubt sein und was nicht? Ist es fair, wenn politische Parteien weniger Möglichkeiten haben als Unternehmen? Hätte eine solche Einschränkung Schattenseiten? Und wie stehen wir generell dem Targeting gegenüber, auch wenn es seitens der Wirtschaft betrieben wird? Das sind allesamt Streitfragen – aber wir sollten dringend diese Debatte führen. Danke, Wolfie Christl, für das Feedback!

 

 

Bild: Pixabay/Logo von Cambridge Analytica. Am 7. April wurde der Blogeintrag noch einmal aktualisiert und vervollständigt, um auch die aktuellen Ankündigungen Facebooks zu inkludieren.

March 21 2018

Termine im März & April

Lesungen, Vorträge, Diskussionen: Aktuell stehen folgende Termine bei mir an – herzliche Einladung!

5. März, Wien: Datenschutzkonferenz “European Cities”: Vortrag über Algorithmen und deren Konsequenzen, anschließende Diskussion, ab 15 Uhr

6. März, Brüssel: “Media Against Hate”-Konferenz: Diskussion, wie Medien gegen Hass im Internet vorgehen können, ab 10 Uhr

7. März, Wien: Studientag zu “Fake News” des ORF-Publikumsrats: Diskussion über Falschmeldungen und was wir dagegen tun können, ab 10 Uhr

8. März, Großrußbach: Vortrag über Lügen im Netz und Hass im Netz im Bildungshaus Schloß Großrußbach, ab 19 Uhr

Flyer für den Vortrag in Bozen

9. März, Wien: Business Riot, Workshop – Strategien gegen Hass im Netz, Ort: Donauhof, ab 9 Uhr

11. März, Wien: Matinee im Burgtheater “1938 – 2018: Können wir uns heute auf unsere Demokratie verlassen?“, ab 11 Uhr

13. März, Salzburg: Fact or Fake, Veranstaltung von Akzente, vormittags Vortrag und Diskussion mit Schülern, abends Lesung und Diskussion, 9 – 21 Uhr

15. März, Erlangen: Lesung und Diskussion zu “Lügen im Netz” in der Stadtbibliothek Erlangen – im Rahmen der Woche gegen Rassismus, ab 19.3o Uhr

19. März, Bozen: Vortrag zu Lügen im Netz und anschließende Diskussion, Ort: Landtag, ab 19.30 Uhr

21. März, Saalfelden: Vortrag “Alles Fakten? Alles Fake? Das Internet als politischer Ort”, Bildungszentrum Saalfelden, ab 19.30 Uhr

22. März, Wien: Gesprächsreihe “Strategien gegen Rassismus und Extremismus” von “Das Bündnis”, Ort: Werk X, ab 19 Uhr

4. April, Krems: Vortrag über “die moderne Manipulation” bei den EDU-Days an der Donau-Universität Krems, ab 13 Uhr

4. April, Steyr: Lesung und Diskussion zu “Lügen im Netz” im Museum Arbeitswelt Steyr, ab 19 Uhr

12. April, Perugia: International Journalism Festival – Diskussion über Algorithmen und ihre Bedeutung für Redaktionen (auf Englisch), ab 14 Uhr

23. April, Graz: Fachtag “Empowerment statt Diffamierung” , Keynote von mir, Ort: Steiermarkhof, Anmeldung an office@inspire-thinking.at, ab 9.30 Uhr

26. April, Enns: Lesung und Diskussion zu Lügen im Netz, Kulturzentrum d’Zuckerfabrik, ab 19 Uhr

(Weitere Aktualisierungen der Liste möglich)

 

March 20 2018

AfD und FPÖ: Empörungsmaschinen

Eine neue Untersuchung bestätigt den Verdacht: Rechtspopulisten profitieren von der Wut, die sie auf Facebook schüren

Ich bezeichne den Kampf um Likes, Kommentare und Aufmerksamkeit auf Facebook als „Empörungswettbewerb“: Meine These ist, dass gerade Rechtspopulisten von solch einer erhitzten Debatte profitieren. Denn sie schüren Wut, sie emotionalisieren und können eine größere Reichweite damit erzielen – auch weil Facebooks Technik dies favorisiert. Schon länger hege ich diesen Verdacht – weil ich die Rhetorik von Rechtspopulisten genau beobachte und auch immer wieder analysiere, welche Beiträge dieser Parteien online besonders erfolgreich sind. Wut scheint für mich ein zentraler Faktor im Erfolg politischer Provokateure.

Die spannende Neuigkeit ist: Tatsächlich gibt es nun Zahlen aus Deutschland, die diese These untermauern. Der junge Datenwissenschaftler Josef Holnburger hat eine Auswertung hierzu gemacht: Er analysierte mehr als eine Million Reaktionen auf Facebook – konkret ging es um Postings aller deutschen Bundestagsparteien.

Die AfD treibt Empörung an und profitiert davon. Die neue Auswertung deutet darauf hin, dass gerade provokative Politiker  auf Facebook bessere Karten haben können
Der Daten-Analytiker Holnburger ging empirisch der These des „Empörungswettbewerbs“ nach und überprüfte zwei konkrete Fragen mittels Millionen von Facebook-Daten. Erstens: Verbreitet die AfD auf Facebook mehr negative Stimmung als andere Parteien – lässt sich hier sogar ein signifikanter Unterschied erkennen? Und zweitens: Wird die AfD mit mehr wütenden Reaktionen belohnt – profitiert sie also nachweisbar davon, dass Facebook-User wütend zum Klicken gebracht werden?

Beide Forschungsfragen werden mit Ja beantwortet: Die AfD treibt Empörung an und profitiert davon. Die neue Auswertung deutet darauf hin, dass gerade provokative Politiker (und Provokation ist ein Wesensmerkmal des Populismus) auf Facebook bessere Karten haben können.

Konkret notiert Holnburger: „Der von Ingrid Brodnig vermutete Empörungswettbewerb auf Facebook kann im Rahmen dieser Untersuchung bestätigt werden. Unter den Beiträgen der AfD findet sich in Form der Reactions eine signifikant höhere Empörung, als auf den Seiten anderer Parteien.“ Sowie: „Wie diese Auswertung zeigt, gewinnen rechtspopulistische Parteien, wie die AfD, nicht nur den Empörungswettbewerb, sie heizen ihn vermutlich durch besonders negative Beiträge weiter an.“ Hier kann jeder seine Untersuchung selbst nachlesen, die zuständige Dozentin ist Lisa Hehnke. Die Arbeit entstand im Rahmen Holnburgers Studium der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg – bei dem er sich auch auf Statistik und Datenauswertung fokussiert.

Was wurde nun genau bemessen?

Zuerst hat Holnburger 8.315 Facebook-Beiträge deutscher Parteien gesammelt – konkret alle Postings zwischen dem 1. März 2016 und 31.12.2017. Das Datum ist relevant: Denn im Frühjahr 2016 führte Facebook die sogenannten „Reaktionen“ (Reactions) ein. Man kann seither nicht nur Likes verteilen, sondern auch Symbole mit der Beschriftung „Love“, „Haha“, „Wow“, „Traurig“ und „Wütend“. Es ist seither auch besser messbar, welche Emotionen unterschiedliche Accounts auf Facebook hervorrufen – ob sie eher unterhaltend oder wütend machend sind.

Insgesamt hat Holnburger 1,8 Millionen „Reactions“ ausgewertet, die die CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke und AfD auf Facebook erhielten. Bemerkenswert ist bereits die Verteilung: Von 1,8 Millionen Reactions gingen 1,1 Millionen allein an die Rechtspopulisten. Zitat: „Die AfD kann dabei sogar mehr Reaktionen als alle anderen Parteien zusammen verzeichnen.“

Aber es gibt auch einen signifikanten Unterschied, welche Emotionen die Parteien am stärksten auslösen: Die Hälfte aller Reaktionen bei der AfD besteht aus Wut. Konkret wird in 56,4 Prozent der Fälle der wütende Smiley geklickt. Das ist ein grober Unterschied zu den anderen Parteien: Bei CDU und CSU wird am meisten auf „haha“ gedrückt. Bei SPD, FDP, Grüne und der Linken ist „Love“ die häufigste Reaktion. Wichtig ist auch, dass die Politik sich hier von der allgemeinen Debatte auf Facebook durchaus unterscheidet: Im Schnitt ist nämlich „Love“ die häufigste Reaktion auf Facebook, sagt das Unternehmen selbst.

Hier all das in einer schönen Grafik:


(Quelle: Josef Holnburger)

Mittels statistischer Auswertungen konnte Holnburger auch ermitteln: Die AfD löst signifikant mehr Wut bei den Reaktionen auf Facebook aus – deutlich mehr als jede andere Partei. Dies wird auch hier erkennbar:


(Quelle: Josef Holnburger)

Diese Ergebnisse bestätigen die These, wonach die AfD mehr wütende Klicks erntet. Warum ist das so relevant? Zu recht könnte man hier einwerfen, es war immer schon so, dass Rechtspopulisten Menschen erzürnten – das ist Teil ihres Handwerks. Aber im Internet kommt ein neuer Faktor hinzu: Algorithmen. Auf Facebook entscheidet ein Algorithmus, also Software, welche Beiträge den Nutzern eingeblendet werden und welche nicht. Wir wissen, dass die Zahl der Reactions, der Likes, der Kommentare und Shares einer der wichtigsten Gradmesser des Algorithmus ist. Ganz einfach gesagt: Je mehr Menschen auf diese wütenden/lachenden/traurigen/staunenden Smileys und auf „Like“ klicken, desto mehr weiteren Nutzern wird der jeweilige Beitrag eingeblendet. Laut Facebook werden Reaktionen sogar als wichtigeres Signal gewertet als das Drücken des „gefällt mir“-Knopfs.

Ein interessantes Detail dazu: Auch eine Auswertung der Universität Wien (vom Computational Communication Science Lab) analysierte die österreichischen Spitzenkandidaten während der Nationalratswahl. Auch sie sahen: Bei FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache war der „Wütend“-Knopf die häufigste Reaktion (57,3 Prozent).

Es besteht der Verdacht, dass der Facebook-Algorithmus Emotion begünstigt: Und in solch einem Setting haben es Populisten leichter. Mit provokativen Posts versetzen sie Menschen in Aufruhr. Wut ist eine aktivierende Emotion: Wütende User klicken eher auf einen Beitrag oder verbreiten diesen, das legt auch frühere Forschung nahe. All diese menschlichen Signale spielen eine große Rolle: Denn je mehr Menschen auf „wütend“ oder auf „gefällt mir“ klicken, desto mehr Sichtbarkeit erzielt ein Beitrag. Die Gefahr ist, dass emotionalisierende Politiker vom Algorithmus zusätzlich Reichweite zugespielt bekommen – weil sie so schön menschliche Reaktionen auslösen und die Software dies belohnt.

Ich nenne einen solchen potenziellen Effekt übrigens „Algorithmen als Drama-Maschine“, weil womöglich durch Technik dramatische Inhalte umso sichtbarer werden. (Gut wäre es, wenn Facebook hierzu konkrete Untersuchungen von Forschern ermöglicht – doch bisher erlaubt es solche unabhängigen Studien seines Algorithmus nicht.)

Die Daten-Auswertung führt zu einer zweiten wichtigen Frage: Schürt die AfD mit ihren Worten tatsächlich mehr Wut – lässt sich zum Beispiel messen, dass die Wortwahl der AfD auf Facebook negativer als von anderen Parteien ist?

Auch dem ging Holnburger statistisch nach: Mittels sogenannter „Sentimentanalysen“ können Forscher die inhaltliche Ausrichtung von Texten automatisiert erfassen (also ob der Text eher „negativ“, „positiv“ oder „neutral“ in der Wortwahl ist). Eigene Wörterbücher, die negativ und positiv konnotierte Worte im politischen Kontext gesammelt haben, ermöglichen solche Analysen – und am Ende können große Textmengen auf ihre negative Stimmung hin ausgewertet werden.

Holnburger wertete aus, ob die AfD signifikant öfter negativ konnotierte Worte verwendete: Tatsächlich war dies der Fall. Die Facebook-Beiträge der Rechtspopulisten sind signifikant öfter von negativer Sprache geprägt. Hier die Übersicht:


(Quelle: Josef Holnburger)

Diese Auswertung ist wichtig, weil sie konkrete Zahlen liefert: Ja, die AfD hat eine negativere Wortwahl auf Facebook als die anderen Parteien. Und Ja, die AfD löst auch mehr Wut bei Facebook-Nutzern aus.

Was solche Daten-Analysen natürlich nicht sagen können, ist, warum so viele Menschen bei den Rechtspopulisten auf den „Wütend“-Knopf klicken. Möglich ist, dass einerseits Fans der AfD gemeinsam mit der Partei wütend sind, ebenfalls ist aber wahrscheinlich, dass zum Teil auch Kritiker auf „wütend“ klicken, weil sie die Rhetorik der AfD ablehnen. Nur für Facebooks Algorithmus macht dies keinen Unterschied: Egal, ob User aus Sympathie oder Ablehnung auf diesen Knopf klicken, wird dies von der Software als Signal gewertet, dass der Beitrag Relevanz hat. Wut ist ein mächtiges Tool zur politischen Mobilisierung – solche Datenauswertungen legen nahe, dass Wut tatsächlich ein Teil des Erfolgsrezepts von Rechtspopulisten auf Facebook sein könnte.

Ich finde es äußerst relevant, dass wir zunehmend auch Datenauswertung aus dem deutschsprachigen Raum haben – und nicht stets mit amerikanischen Zahlen und Studien hantieren. An dieser Stelle mein großer Dank an Josef Holnburger, er hat sich bei dieser Untersuchung viel Arbeit angetan und relevante Zahlen zu Deutschland geliefert. Hier kann man übrigens mehr seiner Daten-Analysen in seinem Blog finden und hier ist er auf Twitter. Untersuchungen wie diese tragen dazu bei, dass wir die Mechanismen der digitalen Debatte besser verstehen lernen.

 

Das obige Bild zeigt die “Wütend”-Reaction auf Facebook, alle benutzten Grafiken stammen aus der Auswertung von Josef Holnburger. Wer mehr über Wut als Klickmotor und die Bedeutung für die digitale Debatte wissen will, in meinem Buch “Lügen im Netz” habe ich dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet. 

March 10 2018

Ist das Fake News? Infografik

Ein schneller Überblick, woran man Fake News erkennt – und was definitiv keine Fake News sind.

Leider wird das Wort Fake News oft falsch verwendet – etwa um jene Meldungen abzuwerten, die einem nicht gefallen. Um für Klarheit zu sorgen, habe ich eine kleine Infografik erstellt:

Eine gute Übersicht über unterschiedliche Arten der Irreführung bietet die NGO “First Draft” hier. In meinem Buch “Lügen im Netz” erkläre ich auch auf die unterschiedlichen Formen der Manipulation – und wie man sie erkennen kann.

Die Infografik wurde mit Canva erstellt.

February 07 2018

February 06 2018

February 05 2018

January 14 2018

Aktuelle Vorträge

Ich darf diesen Monat wieder mein Buch “Lügen im Netz” vorstellen – und über die Frage sprechen, was wir gegen die erhitzte Debatte online tun können. Hier die Termine – herzliche Einladung!

15.1.2018, 19 Uhr: Graz, Literaturhaus: Lesung und Gespräch
Gemeinsam mit Autor Simon Hadler wird es an diesem Abend um die Frage gehen, was wir gegen Irreführung und für ein Festhalten an Fakten tun können

17.1.2018, 18 Uhr: Bruck an der Mur, Stadtmuseum – Präsentation und Diskussion
Was können wir tun, wenn uns die Irreführung im Netz nicht behagt? An diesem Abend gebe ich Einblicke in die Funktionsweise von Falschmeldungen und wie man diese kontern kann

18.1.2018, 19.30 Uhr: Vöcklabruck, OKH (Offenes Kunst- und Kulturhaus) – Vortrag und Gespräch
Ich darf die Erkenntnisse meines Buchs „Lügen im Netz“ vorstellen: In meinem Vortrag wird es um die Mechanismen gehen, wieso manipulative Inhalte oft hohe Reichweiten erzielen, und die große Frage, wie wir diese Inhalte entlarven und entzaubern können

19.1.2018, 9 Uhr: Linz, Schlosssmuseum, Vernetzungstreffen Gewalt-Schule-Medien – für Lehrerinnen und Lehrer
Einleitend zu dieser ganztägigen Veranstaltung werde ich einen Vortrag über Desinformation im Internet halten – und speziell darauf eingehen, was Pädagoginnen und Pädagogen tun können, wenn sie im Unterricht Kompetenzen für einen sicheren Umgang mit Medien vermitteln wollen

22.1.2018, 14 Uhr: Linz, Pädagogische Hochschule OÖ, Workshop gegen Hass im Netz – für Lehrerinnen und Lehrer
Im Netz wird oft extreme Aggression sichtbar: Wieso gerade online dermaßen starke Enthemmung herrscht, wie Falschmeldungen dieses Klima anheizen und wie Lehrerinnen und Lehrer hier Aufklärung betreiben können, werde ich an diesem Nachmittag behandeln

31.1.2018, 19 Uhr: Oberpullendorf, Haus St. Stephan – Vortrag und Diskussion
Im Haus St. Stephan werde ich über Lügen und Hass im Netz sprechen, wieso online oft stark erhitzte und emotionale Debatte stattfindet und welche Strategien es gibt, wenn wir für mehr Sachlichkeit und Fairness im gemeinsamen Austausch eintreten wollen

Bin schon gespannt, auf die gemeinsamen Diskussionen!

 

Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag

January 04 2018

5 von 10 problematisch: Die Top-Meldungen zu Flüchtlingen

Auf Facebook waren diese Artikel Hits – doch vieles davon ist falsch. Hier eine Jahresauswertung von Texten über Flüchtlinge

Ich habe analysiert, was die 10 erfolgreichsten Artikel auf Facebook zum Thema Flüchtlinge waren – gemessen an der Zahl der Likes, Kommentare und Shares (sogenannte Interaktion). Gleich vorweg: Die erfolgreichste Meldung des Jahres 2017 über Flüchtlinge ist eine komplette Erfindung. Auch sonst findet sich viel Irreführung in dieser Liste:

Hier die Faktenchecks zu Meldung 1, Meldung 4, Meldung 5 und Meldung 9. Meldung 10 ist ein Beitrag der äußerst unseriösen Seite anonymousnews.ru, der zwei Berichte etablierter Medien äußerst tendenziös wiedergibt – mehr Infos zu unseriösen Seite “Anonymous News” hier. Danke den Seiten Mimikama.at, Uebermedien.de und Correctiv.org für die Recherche!

Zur Top-Meldung aus 2017: 

Komplett erfunden, aber löst immense Wut aus. Die Seite nachrichten.de.com sprach von  “700 Euro Weihnachtsgeld für Flüchtlinge” und behauptete, Kanzlerin Merkel würde das Geld verteilen. Diese erfundene Geschichte erzielte rund 180.000 Likes/Kommentare/Shares – ein immenser Wert. Es ist mit Abstand die erfolgreichste Meldung des Jahres 2017 auf Facebook. Dabei ist das Ganze Unsinn: Bei “nachrichten.de.com” handelt es sich um eine Fake-Seite, bei der Nutzer anonym Artikel erfinden können. In der Selbstbeschreibung heißt es: “Alle Witz dieser Seite sind frei erfunden und fiktiv, es ist alles nur Spaß!” Dieser vermeintliche “Spaß” wurde dann von rechten Seiten auf Facebook verbreitet – und viele Nutzern lassen sich von der Meldung in Wut versetzen, posten dazu Sätze wie: “Die sollen zurück ins heimatland gehen die dreckschweine !!danke frau merkel die dürfen hier morden und werden noch nicht mal bestraft supper echt geil ich kotz gleich” Sowie: “Kann mal einer die Alte aufhalten. Bei sowas wünsche ich mir die RAF zurück!”

Hier noch die Detail-Analyse, wieviel Interaktion (Likes/Kommentare/Shares) diese 10 Geschichten jeweils verursachten:

Zur Methodik: In dieser Statistik wird der Erfolg auf Facebook in sogenannter “Interaktion” gemessen, das ist die Gesamtzahl der Likes/Reactions/Kommentare/Shares. Erfasst wurden alle Artikel, in denen das Wort “Flüchtlinge” vorkommt, mit der Seite Buzzsumo.com (Zeitraum 1.1.2017 bis 31.12.2017).

Update: In einer vorigen Fassung war auf Platz 10 ein Artikel inkludiert, in dem es gar nicht um Flüchtlinge ging. Das Analysetool Buzzsumo hat diesen Artikel vermutlich als Text über Flüchtlinge eingestuft, weil in den Metadaten der HTML-Datei das Wort “Flüchtlinge” vorkam. Da aber im Artikel nirgendwo von Flüchtlingen die Rede ist, habe ich die Übersicht aktualisiert – auf Platz 10 befindet sich nun eine Meldung, in der es tatsächlich um Flüchtlinge geht. Danke für den Hinweis!

 

Foto oben: Pixabay.com

January 03 2018

Viel Aufregung, viele Likes: Welche Texte 2017 auf Facebook virale Erfolge wurden

10 Webseiten analysiert: Welche Artikel im Jahr 2017 die Nutzer zum Liken, Kommentieren und Teilen brachten

Blickt man auf die Facebook-Jahrescharts, so entsteht ein düsterer Eindruck: Die Top-Meldungen aus 2017 sind vielfach negativ, es geht etwa um Sozialleistungen für Flüchtlinge, vom “Asylwahn” ist die Rede. Nicht nur etablierte Medien erzielten enorme Reaktionen: Auch das rechte Portal “Wochenblick” ist gleich mehrfach im Spitzenfeld vertreten – mit unseriöserer Berichterstattung, die aber offensichtlich Menschen zum Klicken/Liken/Teilen/Kommentieren bringt.

Wie wurde diese Übersicht erhoben? Ich habe 10 Webseiten analysiert, darunter 8 etablierte Medien und 2 alternative Medien aus Österreich. Erfasst wurden der “Standard”, die “Presse”, der “Kurier”, die “Kleine Zeitung”, ORF.at, oe24.at, “Heute”, die “Kronen Zeitung” sowie die beiden rechten Webseiten “Wochenblick” und unzensuriert.at. Gemessen habe ich die Gesamtinteraktion auf Facebook (Likes/Kommentare/Shares/Reactions) mittels Buzzsumo.com.

Von diesen 10 Webseiten waren das die stärksten Beiträge 2017 auf Facebook:

Drei interessante Erkenntnisse:

  • Die Dominanz des Boulevard: Sechs von zehn der erfolgreichsten Texten kommen von klassischen Boulevardmedien (“Krone”, “Heute”, oe24.at)
  • Themen Asyl/Islam/Integration dominieren noch immer: Nur ganz wenig andere Beiträge schafften es in die Top 10
  • Neue rechte Seiten feiern Klickerfolge: Gerade das Medium “Wochenblick” erzielt mit einzelnen Texten eine enorme Reichweite (sein unseriöser Text über Angela Merkel ist sogar auf Platz 2 der erfassten Beiträge).

Spannend ist, mit welchen Texten die einzelnen Medien viel Aufmerksamkeit auf Facebook erzielen. Wir sehen hier auch:

  • Emotionalisierende Texte dominieren die Debatte auf Facebook
  • Erfolg auf Facebook spiegelt nicht unbedingt die tatsächliche Bedeutung einer Webseite wider: Beispielsweise ist ORF.at eine der populärsten Seiten Österreich, aber hat weniger immense Klickerfolge auf Social Media

Hier der Überblick über alle 10 Webseiten* und ihre erfolgreichsten Texte auf Facebook:

krone.at

oe2e4.at

heute.at

wochenblick.at – wer diese Seite nicht kennt: Hier haben Jakob Winter & ich dieses neue rechte Medium beschrieben


Interessantes Detail: Der “Wochenblick” ist in dieser Facebook-Jahresübersicht erfolgreicher als die noch bekanntere rechte Seite unzensuriert.at.

unzensuriert.at (ebenfalls eine rechte Seite, hier geben Jakob Winter & ich Einblick in die Berichterstattung von “unzensuriert”)

ORF.at

derStandard.at

diePresse.com

kurier.at

kleinezeitung.at

 

* Der Erfolg auf Facebook wird in sogenannten “Interaktionen” (Gesamtzahl der Likes/Reactions/Kommentare/Shares) gemessen. Erfasst wurden die Daten mit Buzzsumo.com (Zeitraum 1.1.2017 bis 31.12.2017), die Top-10-Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit für ganz Österreich: Schließlich wurden nur 10 Webseiten erfasst und nicht jedes Medium oder gar jede Webseite Österreichs. Fotomaterial: Pixabay.com.

 

December 05 2017

Der Unsinn rund um Nikolo

Wieso Falschmeldungen so gut funktionieren – erklärt anhand eines irreführenden Berichts der Boulevardzeitung “Österreich”

Zu Recht sorgt derzeit ein Artikel aus dem Boulevardblatt “Österreich” für Empörung: Komplett unhinterfragt wird ein anonymer Vater zitiert, der behauptet, an einer Wiener Schule herrsche “seit Jahren” Hausverbot für den Nikolo, ebenso gäbe es kein Schweinefleisch an dieser Schule und “alle christlichen Symbole” seien “verpönt”. Der Faktencheck zeigt jedoch: Sehr wohl darf und ist auch der Heilige Nikolaus in den vergangenen Jahren an der Schule aufgetreten, ebenso hängen in der Schule zum Beispiel selbstgebastelte Nikolos, also christliche Symbole. Hier zwei Artikel dazu von Vice und Kurier. Der Schweinefleisch-Vorwurf ist besonders eigen: Da diese Schule eine Halbtagsschule ist, wird dort gar kein Essen zubereitet. Gesamturteil: Die Geschichte ist Unsinn.

Und trotzdem ist diese Geschichte klicktechnisch ein irrer Erfolg für “Österreich”. Sie löste bisher 19.500 Likes, Kommentare oder Shares auf Facebook aus. Ein wesentlicher Teil dieser Interaktion wurde von Rechtspopulist Heinz-Christian Strache verursacht: Er teilte die Meldung auf seinem Facebook-Account und erzielte dort 9000 Likes, Kommentare oder Shares. Zumindest rein klicktechnisch ist diese Geschichte auch für die FPÖ ein Erfolg:

Warum funktioniert so ein Unsinn so gut? Es gibt Erklärungen, warum Falschmeldungen oder irreführende Beiträge so gut funktionieren – hier 3 Faktoren, die zum Erfolg solchen Unsinns beitragen:

1.) Wut wirkt

Falschmeldungen verbreiten sich auch deswegen so stark, weil sie immense Emotionalität auslösen: Menschen werden so wütend, dass sie im Affekt solche Geschichten teilen, liken, weitererzählen. Tatsächlich lässt sich in Daten-Auswertungen messen, dass Wut eine extrem erfolgreiche Emotion ist, auch im Internet. Im Englischen gibt es den Satz: “Angry People click more”, wütende Menschen klicken mehr.

Auch Medien profitieren zum Beispiel von höherer Reichweite, wenn ihre Geschichten Wut auslösen. Eine Studie hierzu – die keine Falschmeldungen behandelte, aber sehr wohl die Viralität von Wut aufzeigte: Die Wissenschaftler Jonah Berger und Katherine Milkman analysierten, welche Artikel der “New York Times” eher “viral” werden (also stark von Menschen weitergeleitet werden). Konkret wurde analysiert, welche Texte auf der Webseite Menschen per Email weiterempfahlen. Wütendmachende Artikel hatten eine deutlich höhere Chance, viral zu werden: Ihre Chance, auf die Liste der meistversendeten Artikel zu kommen, lag um ein Drittel höher.

Die Nikolo-Geschichte passt zu solchen wissenschaftlichen Ergebnissen: Sie ist ein Klickerfolg. Sie ist so empörend, dass viele Menschen auf Facebook diese aufgebracht teilen – und eine Frage leider oft nicht gestellt wird: Moment, stimmt diese wütendmachende Geschichte überhaupt?

2.) Wahrheitseffekt

Mehr zum Thema: Mein Buch “Lügen im Netz”

Solche Geschichten sind auch deswegen so wirkmächtig, weil sie Teil eines größeren Narrativs sind: Angeblich wird Weihnachten verboten. Seit Jahren tauchen immer wieder Falschmeldungen auf, wonach christliche Bräuche rund um Weihnachten bedroht seien. Absurde Falschmeldungen verbreiten sich jeden Advent aufs Neue: Dass der Nikolo künftig “Zipfelmann” genannt werden muss (Unsinn) oder dass man jetzt nicht mehr “Weihnachtsmarkt” sondern “Wintermarkt” sagen müsse – doch einem Faktencheck halten viele solche Behauptungen nicht stand.

Das Problem an solch wiederkehrendem Unsinn ist: Die Wiederholung hat einen Effekt. Das haben Wissenschaftler schon im Jahr 1977 beobachtet: Über mehrere Wochen hinweg ließen sie Studienteilnehmer unterschiedliche Behauptungen vorlesen. Es zeigte sich, dass Menschen (selbst falsche) Behauptungen eher glauben, wenn sie wiederholt werden. Im Englischen als “illusory truth effect” bezeichnet, oder etwas simpler auf deutsch: Wahrheitseffekt.

Dieser Wahrheitseffekt ist insofern ein unbehagliches Phänomen, als dass wir beobachten können, wie manche Falschmeldungen immer wieder im Netz kursieren: Die Gefahr ist, dass ein Teil der Bevölkerung sehr häufig mit solchen falschen oder halbwahren Behauptungen in Kontakt kommt – und sie aufgrund der Wiederholung für plausibel hält. Mich persönlich fasziniert das zumindest sehr: Dass die pure Wiederholung einer Behauptung diese wahrer erscheinen lässt – selbst bei Erfundenem.

3.) Echokammern

Hinzu kommt noch die Verbreitung im Internet: Wer zum Beispiel einigen FPÖ-Politikern oder Fan-Accounts auf Facebook folgt, bei dem ist die Chance groß, dass er die irreführende Meldung von “Österreich” eingeblendet bekommen hat. Im Umfeld dieser Partei verbreitet sich diese falsche Geschichte vehement. Und da diese Meldung immens viele Likes, Kommentare und Shares hervorrief, wird sie auch prominent im Feed vieler Fans der FPÖ eingeblendet.

Unter Wissenschaftlern besteht hier die Sorge, dass ein Phänomen namens Echokammer die Verbreitung von Falschmeldungen fördert: Echokammern sind digitale Räume, in denen sich Menschen großteils mit Gleichdenkenden austauschen und eher Information von Seiten beziehen, die ihrem Weltbild entsprechen. Tatsächlich gibt es Studien, die die Existenz solcher Echokammern auf sozialen Medien wie Facebook aufzeigen konnten (siehe zum Beispiel: “The spreading of misinformation online”).

Zur Erklärung: Es war wohl schon immer so, dass wir Menschen unbewusst eher Informationen suchten, die unserem Weltbild entsprechen (in der Psychologie wird dies auch “selektive Zuwendung” genannt). Die Sorge besteht allerdings aktuell, dass uns digitale Tools hierbei noch zusätzlich helfen, uns eher einseitig zu informieren: Und interessanterweise treten solche Echokammern-Effekte in unterschiedlichen Untersuchungen zutage.

Ein Problem hierbei ist auch, dass Echokammern Aufklärung erschweren: Man kann nicht immer davon ausgehen, dass Menschen, die eine Falschmeldung sahen, später auch die Richtigstellung eingeblendet bekommen. Zum Beispiel können wir online oft beobachten, wie in FPÖ-kritischen Kreisen stark die Richtigstellung von falschen Behauptungen zirkuliert, die Parteichef Heinz-Christian Strache online weiterverbreitete. Ob all die Fans des Politikers aber auch die Korrektur mitbekommen, das darf bezweifelt werden – auch deswegen, weil wir eine fehlende Fehlerkultur beobachten können.

Heinz-Christian Strache hat den falschen Bericht aus “Österreich” geteilt – und bis heute nicht richtiggestellt, wie viel Unsinn in dieser Meldung steht. Stattdessen ist online weiterhin bei ihm zu lesen: “Es ist irritierend, was im rot-grünen Wien vor sich geht! Ein Verbot von Nikolo & Christkind, dazu aber ein verpflichtender Türkisch Unterricht für unsere Kleinen.” Hier wird also mit einer falschen Behauptung Stimmung gemacht und dies nicht rechtzeitig richtiggestellt.

Fazit

Wut, Wiederholungseffekte, Echokammern: Es gibt einige Gründe, warum Falschmeldungen so erfolgreich sind. Wobei das Grundproblem hierbei ist, dass das Boulevardblatt “Österreich” offensichtlich journalistische Sorgfaltspflichten stark vernachlässigt hat: Ein anonymer Vater und ein FPÖ-Politiker werden in diesem Beitrag zitiert, die Behauptungen als Fakten übernommen und die Gegenseite wird anscheinend nicht befragt. Erst im Nachhinein adaptiert “Österreich” den Bericht – lässt aber weiterhin die Vorwürfe stehen, inszeniert dies nun als “Streit”. Am Ende profitiert das Boulevardblatt von sehr vielen Klicks – und die öffentliche Debatte leidet unter einer weiteren, zutiefst problematischen und irreführenden Meldung.

 

Foto: pixabay

 

 

November 02 2017

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